Donnerstag, 30. August 2012

Hier kommt noch ein Beitrag von "unserer Gynäkologin" Marita, den ich leider erst jetzt online stellen konnte.....

Das Gesundheitssystem objektiv zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die Informationen dazu sind doch recht widersprüchlich.
Also, es gibt eine „Gesundheitskarte – SOS“, die jeder erhalten kann. Mit dieser Karte können Ärzte kostenfrei aufgesucht und ambulante/stationäre Behandlungen erstattet werden. Soweit die offizielle Version. Allerdings haben wir hier erfahren, dass Termine bei Ambulanzen und Ärzten oft sehr spät vergeben werden - auch bei akuten Beschwerden. Bei Barzahlung sieht das schon wieder ganz anders aus. In der Krankenhausapotheke können Medikamente kostenfrei abgeholt werden, jedoch sind die verordneten Medikamente oft nicht verfügbar, Ersatzpräparate durchaus vorhanden - aber kostenpflichtig.

In Timbiras gibt es auch ein Krankenhaus, das laut Aussagen der Krankenhausdirektorin rotierend über 3 Ärzte verfügt, ein Arzt sei ständig in Timbiras erreichbar. Dieses „alte“ Krankenhaus hat 50 Betten und ist für die akute Notfallversorgung zuständig, der OP wurde vor 3 Jahren geschlossen. Die weitere Versorgung erfolgt dann in Codo (ca 25-30 km entfernt), Coroata (ca 40 km entfernt) oder Teresina (ca 150 -200 km entfernt). Es gibt auch ein „neues“ Krankenhaus in Timbiras, das etwas außerhalb liegt und noch zu Ende gebaut und eingerichtet werden muss. Laut offizieller Aussage ist Mitte August 2012 die Einweihung, was nach unserem Eindruck schwer vorstellbar ist. Als ich vor 2 Jahren hier war, wurde November 2010 als Eröffnungstermin angegeben. Ein Regierungsprogramm hatte vor einigen Jahren den Bau von Krankenhäusern gefördert. In Maranhao wurden 72 neue Krankehäuser gebaut, bislang sind erst 10 funktionsfähig. Bei den anderen ist meist das Geld ausgegangen.

Während meiner Zeit in Timbiras hatte sich herumgesprochen, dass ich Ärztin bin und ich wurde zu „Consultas“ gebeten. Mit Martinas oder Eleanas Hilfe habe ich viele Krankengeschichten erfahren. Häufig habe ich nur Arzbriefe und -befunde gelesen, die dank der medizinischen Fachsprache auch für mich gut zu verstehen waren. Ich habe Untersuchungsergebnisse erklärt oder zu verschiedenen Therapien meine Meinung mitgeteilt. Das Vertrauen in die brasilianischen Ärzte ist gering, andererseits werden durchaus qualifizierte Befunde erstellt, die auch technisch auf einem hohen Niveau sind. Was scheinbar fehlt, ist die Erläuterung der Befunde in verständlicher Weise. Noch niemals habe ich so viele Ängste bei Frauen gespürt. Z.B. kam eine junge Frau zu mir, die Angst hatte an Krebs zu versterben, obwohl „nur“ ein Herzfehler festgestellt worden war, mit dem man aber wunderbar leben kann. Vieles wird als schicksalshaft und Gott gewollt hingenommen, nicht zu unterschätzen ist auch der Aberglaube bei verschiedenen Erkrankungen.
Einigen Frauen konnten wir „ Gracias a Deus“ wirklich helfen, anderen ein wenig die Angst nehmen oder bestehende Beschwerden erklären und einige Tipps geben. Natürlich ist das nicht nachhaltig, aber wir basteln an einer Idee, vielleicht mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vor Ort, tiefer in dasThema Gesundheit, Vorsorge, Aufklärung einzusteigen.

Ein weiteres Thema, das mir besonders am Herzen liegt ist die Ernährung. Die meisten Brasilianer essen zuviel Zucker, trinken zu wenig und je höher das Einkommen, umso mehr Fleisch wird gegessen. Reis und Bohnen ist hier das Standardgericht und je nach finanzieller Situation gibt es Rindfleisch oder Hühnchen dazu. Kaffee und Säfte werden ordentlich gesüßt und ordentlich bedeutet 2-3 Esslöffel Zucker auf ein Glas Saft.
Bluthochdruck und Diabetes sind laut Informationen der Schwestern in Coroata die häufigsten Erkrankungen. Ich habe schwere diabetische Hautgeschwüre gesehen und auch Amputationen von Extremitäten aufgrund einer Diabeteserkrankung seien hier ausgesprochen häufig.
Ich glaube, dass oft einfach das Wissen um gesunde Ernährung fehlt und die Zusammenhänge zu bestimmten Erkrankungen nicht klar sind. Gerade die genannten Kranheiten sind durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten gut beeinflussbar. Das gerade die Änderung von Gewohnheiten besonders schwierig ist, ist wahrscheinlich in Deutschland und Brasilien vergleichbar :)
Dennoch, es gibt auf dem Markt reichlich Gemüse und zwar zu bezahlbaren Preisen, die wunderbare Früchte nicht zu vergessen. In einigen Familien haben wir durchaus vegetarische Gerichte und Salate kennengelernt. Bei Carmen, eine Gastmutter, die auch im CAC -Projekt tätig ist, gibt es sogar einen richtigen Gemüsegarten im Hinterhof. Vielleicht gelingt es ja, Carmens Wissen um die Pflege eines Nutzgartens weiterzugeben und vielleicht könnte auch eine Ernährungsberatung oder ein Kochkurs unser Projekt bereichern. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.