Hier kommt noch ein Beitrag von "unserer Gynäkologin" Marita, den ich leider erst jetzt online stellen konnte.....
Das Gesundheitssystem objektiv
zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die Informationen dazu sind
doch recht widersprüchlich.
Also, es gibt eine „Gesundheitskarte
– SOS“, die jeder erhalten kann. Mit dieser Karte können Ärzte
kostenfrei aufgesucht und ambulante/stationäre Behandlungen
erstattet werden. Soweit die offizielle Version. Allerdings haben wir
hier erfahren, dass Termine bei Ambulanzen und Ärzten oft sehr spät
vergeben werden - auch bei akuten Beschwerden. Bei Barzahlung sieht
das schon wieder ganz anders aus. In der Krankenhausapotheke können
Medikamente kostenfrei abgeholt werden, jedoch sind die verordneten
Medikamente oft nicht verfügbar, Ersatzpräparate durchaus vorhanden
- aber kostenpflichtig.
In Timbiras gibt es auch ein
Krankenhaus, das laut Aussagen der Krankenhausdirektorin
rotierend über 3 Ärzte verfügt, ein Arzt sei ständig in Timbiras
erreichbar. Dieses „alte“ Krankenhaus hat 50 Betten und ist für
die akute Notfallversorgung zuständig, der OP wurde vor 3 Jahren
geschlossen. Die weitere Versorgung erfolgt dann in Codo (ca 25-30 km
entfernt), Coroata (ca 40 km entfernt) oder Teresina (ca 150 -200 km
entfernt). Es gibt auch ein „neues“ Krankenhaus in Timbiras, das
etwas außerhalb liegt und noch zu Ende gebaut und eingerichtet
werden muss. Laut offizieller Aussage ist Mitte August 2012 die
Einweihung, was nach unserem Eindruck schwer vorstellbar ist. Als ich
vor 2 Jahren hier war, wurde November 2010 als Eröffnungstermin
angegeben. Ein Regierungsprogramm hatte vor einigen Jahren den Bau
von Krankenhäusern gefördert. In Maranhao wurden 72 neue
Krankehäuser gebaut, bislang sind erst 10 funktionsfähig. Bei den
anderen ist meist das Geld ausgegangen.
Während meiner Zeit in Timbiras
hatte sich herumgesprochen, dass ich Ärztin bin und ich wurde zu
„Consultas“ gebeten. Mit Martinas oder Eleanas Hilfe habe ich
viele Krankengeschichten erfahren. Häufig habe ich nur Arzbriefe und
-befunde gelesen, die dank der medizinischen Fachsprache auch für
mich gut zu verstehen waren. Ich habe Untersuchungsergebnisse erklärt
oder zu verschiedenen Therapien meine Meinung mitgeteilt. Das
Vertrauen in die brasilianischen Ärzte ist gering, andererseits
werden durchaus qualifizierte Befunde erstellt, die auch technisch
auf einem hohen Niveau sind. Was scheinbar fehlt, ist die Erläuterung
der Befunde in verständlicher Weise. Noch niemals habe ich so viele
Ängste bei Frauen gespürt. Z.B. kam eine junge Frau zu mir, die
Angst hatte an Krebs zu versterben, obwohl „nur“ ein Herzfehler
festgestellt worden war, mit dem man aber wunderbar leben kann.
Vieles wird als schicksalshaft und Gott gewollt hingenommen, nicht zu
unterschätzen ist auch der Aberglaube bei verschiedenen
Erkrankungen.
Einigen Frauen konnten wir „ Gracias
a Deus“ wirklich helfen, anderen ein wenig die Angst nehmen oder
bestehende Beschwerden erklären und einige Tipps geben. Natürlich
ist das nicht nachhaltig, aber wir basteln an einer Idee, vielleicht
mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vor Ort, tiefer in
dasThema Gesundheit, Vorsorge, Aufklärung einzusteigen.
Ein weiteres Thema, das mir besonders
am Herzen liegt ist die Ernährung. Die meisten Brasilianer
essen zuviel Zucker, trinken zu wenig und je höher das Einkommen,
umso mehr Fleisch wird gegessen. Reis und Bohnen ist hier das
Standardgericht und je nach finanzieller Situation gibt es
Rindfleisch oder Hühnchen dazu. Kaffee und Säfte werden ordentlich
gesüßt und ordentlich bedeutet 2-3 Esslöffel Zucker auf ein Glas
Saft.
Bluthochdruck und Diabetes sind laut
Informationen der Schwestern in Coroata die häufigsten Erkrankungen.
Ich habe schwere diabetische Hautgeschwüre gesehen und auch
Amputationen von Extremitäten aufgrund einer Diabeteserkrankung
seien hier ausgesprochen häufig.
Ich glaube, dass oft einfach das Wissen
um gesunde Ernährung fehlt und die Zusammenhänge zu bestimmten
Erkrankungen nicht klar sind. Gerade die genannten Kranheiten sind
durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten gut beeinflussbar. Das
gerade die Änderung von Gewohnheiten besonders schwierig ist, ist
wahrscheinlich in Deutschland und Brasilien vergleichbar :)
Dennoch, es gibt auf dem Markt
reichlich Gemüse und zwar zu bezahlbaren Preisen, die wunderbare
Früchte nicht zu vergessen. In einigen Familien haben wir durchaus
vegetarische Gerichte und Salate kennengelernt. Bei Carmen, eine
Gastmutter, die auch im CAC -Projekt tätig ist, gibt es sogar einen
richtigen Gemüsegarten im Hinterhof. Vielleicht gelingt es ja,
Carmens Wissen um die Pflege eines Nutzgartens weiterzugeben und
vielleicht könnte auch eine Ernährungsberatung oder ein Kochkurs
unser Projekt bereichern. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.