Hier kommt noch ein Beitrag von "unserer Gynäkologin" Marita, den ich leider erst jetzt online stellen konnte.....
Das Gesundheitssystem objektiv
zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die Informationen dazu sind
doch recht widersprüchlich.
Also, es gibt eine „Gesundheitskarte
– SOS“, die jeder erhalten kann. Mit dieser Karte können Ärzte
kostenfrei aufgesucht und ambulante/stationäre Behandlungen
erstattet werden. Soweit die offizielle Version. Allerdings haben wir
hier erfahren, dass Termine bei Ambulanzen und Ärzten oft sehr spät
vergeben werden - auch bei akuten Beschwerden. Bei Barzahlung sieht
das schon wieder ganz anders aus. In der Krankenhausapotheke können
Medikamente kostenfrei abgeholt werden, jedoch sind die verordneten
Medikamente oft nicht verfügbar, Ersatzpräparate durchaus vorhanden
- aber kostenpflichtig.
In Timbiras gibt es auch ein
Krankenhaus, das laut Aussagen der Krankenhausdirektorin
rotierend über 3 Ärzte verfügt, ein Arzt sei ständig in Timbiras
erreichbar. Dieses „alte“ Krankenhaus hat 50 Betten und ist für
die akute Notfallversorgung zuständig, der OP wurde vor 3 Jahren
geschlossen. Die weitere Versorgung erfolgt dann in Codo (ca 25-30 km
entfernt), Coroata (ca 40 km entfernt) oder Teresina (ca 150 -200 km
entfernt). Es gibt auch ein „neues“ Krankenhaus in Timbiras, das
etwas außerhalb liegt und noch zu Ende gebaut und eingerichtet
werden muss. Laut offizieller Aussage ist Mitte August 2012 die
Einweihung, was nach unserem Eindruck schwer vorstellbar ist. Als ich
vor 2 Jahren hier war, wurde November 2010 als Eröffnungstermin
angegeben. Ein Regierungsprogramm hatte vor einigen Jahren den Bau
von Krankenhäusern gefördert. In Maranhao wurden 72 neue
Krankehäuser gebaut, bislang sind erst 10 funktionsfähig. Bei den
anderen ist meist das Geld ausgegangen.
Während meiner Zeit in Timbiras
hatte sich herumgesprochen, dass ich Ärztin bin und ich wurde zu
„Consultas“ gebeten. Mit Martinas oder Eleanas Hilfe habe ich
viele Krankengeschichten erfahren. Häufig habe ich nur Arzbriefe und
-befunde gelesen, die dank der medizinischen Fachsprache auch für
mich gut zu verstehen waren. Ich habe Untersuchungsergebnisse erklärt
oder zu verschiedenen Therapien meine Meinung mitgeteilt. Das
Vertrauen in die brasilianischen Ärzte ist gering, andererseits
werden durchaus qualifizierte Befunde erstellt, die auch technisch
auf einem hohen Niveau sind. Was scheinbar fehlt, ist die Erläuterung
der Befunde in verständlicher Weise. Noch niemals habe ich so viele
Ängste bei Frauen gespürt. Z.B. kam eine junge Frau zu mir, die
Angst hatte an Krebs zu versterben, obwohl „nur“ ein Herzfehler
festgestellt worden war, mit dem man aber wunderbar leben kann.
Vieles wird als schicksalshaft und Gott gewollt hingenommen, nicht zu
unterschätzen ist auch der Aberglaube bei verschiedenen
Erkrankungen.
Einigen Frauen konnten wir „ Gracias
a Deus“ wirklich helfen, anderen ein wenig die Angst nehmen oder
bestehende Beschwerden erklären und einige Tipps geben. Natürlich
ist das nicht nachhaltig, aber wir basteln an einer Idee, vielleicht
mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vor Ort, tiefer in
dasThema Gesundheit, Vorsorge, Aufklärung einzusteigen.
Ein weiteres Thema, das mir besonders
am Herzen liegt ist die Ernährung. Die meisten Brasilianer
essen zuviel Zucker, trinken zu wenig und je höher das Einkommen,
umso mehr Fleisch wird gegessen. Reis und Bohnen ist hier das
Standardgericht und je nach finanzieller Situation gibt es
Rindfleisch oder Hühnchen dazu. Kaffee und Säfte werden ordentlich
gesüßt und ordentlich bedeutet 2-3 Esslöffel Zucker auf ein Glas
Saft.
Bluthochdruck und Diabetes sind laut
Informationen der Schwestern in Coroata die häufigsten Erkrankungen.
Ich habe schwere diabetische Hautgeschwüre gesehen und auch
Amputationen von Extremitäten aufgrund einer Diabeteserkrankung
seien hier ausgesprochen häufig.
Ich glaube, dass oft einfach das Wissen
um gesunde Ernährung fehlt und die Zusammenhänge zu bestimmten
Erkrankungen nicht klar sind. Gerade die genannten Kranheiten sind
durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten gut beeinflussbar. Das
gerade die Änderung von Gewohnheiten besonders schwierig ist, ist
wahrscheinlich in Deutschland und Brasilien vergleichbar :)
Dennoch, es gibt auf dem Markt
reichlich Gemüse und zwar zu bezahlbaren Preisen, die wunderbare
Früchte nicht zu vergessen. In einigen Familien haben wir durchaus
vegetarische Gerichte und Salate kennengelernt. Bei Carmen, eine
Gastmutter, die auch im CAC -Projekt tätig ist, gibt es sogar einen
richtigen Gemüsegarten im Hinterhof. Vielleicht gelingt es ja,
Carmens Wissen um die Pflege eines Nutzgartens weiterzugeben und
vielleicht könnte auch eine Ernährungsberatung oder ein Kochkurs
unser Projekt bereichern. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.
Timbiras 2012
Donnerstag, 30. August 2012
Samstag, 28. Juli 2012
Wer hat an der Uhr gedreht....?
Kaum zu glauben, dass unsere letzte
Woche in Timbiras sich schon fast dem Ende zuneigt. Sie stand und steht unter
dem Motto "Was wir unbedingt noch tun möchten...", und das ist so
viel, dass ich nur einiges andeuten kann.
Natürlich war es uns besonders
wichtig unser Projekt zu beenden, was wir auch mit HIlfe unserer Freunde
geschafft haben. Haus und Spielgeräte sind nun fertig gestrichen, der
Sandkasten mit den bunten Flaschen umrandet und mit Sand gefüllt, der restliche
Sand auf dem Gelände verteilt.
Dann war es uns noch wichtig, die
Natur hier ausführlich zu erleben: Sonnenauf- und -untergang, das Besteigen
eines Berges mit wunderbarem Blick über Timbiras, verschiedene Fahrten in das
immer wieder bezaubernde "Interior" (Hinterland), der Besuch des
Wochenmarktes und anderes. Als nächstes wollten wir noch einige für Timbiras
typische kulturelle Leckerbissen so kennen lernen, dass wir sie mit nach
Deutschland bringen können: Lieder (u.a. mit dem Jugendchor), Tanz (die Jugendlichen
üben gerade Quadrilha), Essen (jedeR hat ein Gericht gelernt)...
| ein Teil von Timbiras - aus der Vogelperspektive... |
Und außerdem haben wir (bzw. habe
ich) noch einige Personen kennen gelernt, die sich mit ihren ganz speziellen
Fähigkeiten für das Gemeinwohl engagieren. Zum Beispiel eine Equipe, die sich
für den Kinder- und Jugendschutz einsetzt und dafür viel Kritik einstecken
muss. Oder Piedade und ihren Mann, die sich auch über den Tod ihrer geistig und
körperlich behinderten Tochter Ana Carolina hinaus für die Integration und
Inklusion von Menschen mit Behinderungen in diese von Unsicherheit,
Unwissenheit und Vorurteilen durchsetzte Gesellschaft engagieren. Oder Rosimar,
die als Heilpraktikerin mit einfachen Mitteln vielen Menschen hier besser und
günstiger helfen kann als so mancher Arzt. Oder eine Gruppe junger Erwachsener
("fonte de vida"), die im Geist des Heiligen Franziskus völlig arm
und nur von Spenden leben und versuchen, Kindern und Jugendlichen durch
Theater, Tanz, Musik und Kunst den Weg in ein besseres Leben zu zeigen. Oder die
brasilianischen Palottiner-Schwestern, die die verschiedenen relativ autonomen
Gruppen der Gemeinde koordinieren. Oder die Mitglieder einer
"politischen" Jugendgruppe, die versuchen, durch Diskussionen und
Theater ihr kritisches Bewusstsein zu schärfen. Oder auch die Menschen in
Alegria (einem "Interior"), die mit Hilfe der Land-Pastoral (Martin
und Tuinha kannten wir ja bereits aus Coroata) versuchen, gegen den Widerstand
des Großgrundbesitzers ein würdiges Leben in Einklang mit der Natur für die
dort lebenden 400 Familien zu erstreiten. Und bestimmt habe ich noch einige
vergessen.
Ihr seht, dass unser Kalender noch
prall gefüllt ist. In den nächsten Tagen stehen noch Auswertungen und
Verabschiedungen auf dem Programm. Und ich habe den Eindruck, dass alle das
gerne noch ein wenig hinauszögern würden. Aber der Rückflug steht fest und
lässt sich nicht um eine Woche nach hiinten verschieben wie bei Marita, von der
wir uns schon gestern morgen verabschiedet haben. Montag morgen fahren wir dann
von hier aus nach Barrerinhas in die Lencoes, ein Naturschutzgebiet, ca. 200 km
westlich von Sao Luis am Meer gelegen, mit Sanddünen und Süßwasserseen, und
dann am nächsten Donnerstag nach Sao Luis um von dort aus unseren Rückweg
anzutreten. Alles Weitere wahrscheinlich erst danach...
Ate logo!
Montag, 23. Juli 2012
Eigentlich
hätte ich es gleich erkennen können an dem routinierten Handgriff, mit dem die
zehnjährige Michaele die Jalousie der Werkstatt hochschob, dass sie nicht
einfach einem Monteur Bescheid geben würde, dass ein Fahrrad zu reparieren sei.
Aber dann brauchte ich doch etwas Zeitk, bs ich begriff, dass sie es selber
macht - und wie! Druckluftmaschine anstellen, Ventil (Marke: Auto!) fürs Pumpen
richtigstellen, Reifen mit dem Gerät aufpumpen, feststellen, dass er wieder
Luft verliert, das Loch "erhorchen", das Rad abmontieren, den Mantel
abhebeln, den Schlauch wieder flicken (und zwar mit einer bei uns unbekannten
Klebe-Masse und einer schwergängigen Presse), abwarten, dann Schlauch und
Mantel wieder anbringen und das Rad montieren, und zwar sowohl im richtigen
Abstand zum Rahmen als auch mit der richtigen Spannung der Kette - mit blieb
der Mund offen stehen. Da wir während des Wartens ein wenig Zeit hatten, weiß
ich nun, dass ihr Vater vor vier Jahren plötzlich gestorben ist und sie daher
in der Werkstatt mithilft, wenn sie nicht zur Schule muss, und sich daher so
gut auskennt. Sie ihrerseits konnte gar nicht verstehen, warum ich mich so
wundere und dass es in Deutschland nicht viele zehnjährige Mädchen gibt, die
das können. Normal kostet das Reparieren zwei Reais (weniger als ein Euro!) und
von mir wollte sie partout nichts nehmen, aber da ihre Werkstatt und schon ein
paar Mal für lau geholfen hatte und ich so begeistert war, habe ich das
natürlich nicht akzeptiert. Allein schon dieses Mädel kennen zu lernen, war es
wert!
Nachdem das gestrige vom CAC
ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über
die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo
ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was
mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische
Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das
erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick,
Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig",
ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne
Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des
Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch
Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer
dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die
Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und
dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in
die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in
Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch
einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich
weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen
Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht
vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die
zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem
gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war
alles andere ein Kinderspiel.
| auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt |
Das
nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso
zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine
beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort
"pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so
gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis
zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung
gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach
unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden,
die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder
Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß,
was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer
praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise
Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem
lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und
monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als
nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in
meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet.
Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen
- Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird.
Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man
glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder
verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in
die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele
andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und
ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach
der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen
lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem
Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen.
Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der
vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca
in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn
vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein
einziges Bier mit ihm....
Mein
letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so
wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen
zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet
wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf:
Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im
wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die
"tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-)
auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um
Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a
atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits
wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt:
wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den
Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist,
mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir
hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören
oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor
Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata
wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit
erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie
die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die
atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie
es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu
beschäftigen.
Samstag, 21. Juli 2012
Nicht vorenthalten moechte ich Euch auch einen Text von Shakespeare, den eine Theatergruppe uns bei unserem Besuch von Edelsons Uni in Codo vorgespielt hat. Der portugiesische Titel heisst "O Menestrel" (vielleicht kann ja jemand herausbekommen, wie die deutsche Version heisst), und der Text lautet uebersetzt so und passt doch wirklich hervorragend zu unserer Situation:
Nach einiger Zeit Begreifst du den
Unterschied, den feinen Unterschied zwischen dem Reichen einer Hand und dem
Fesseln einer Seele.
Und du begreifst, dass Lieben nicht
bedeutet, sich zu stützen, und Begleitung nicht Sicherheit.
Du beginnst zu begreifen, dass Küsse
keine Verträge sind und Geschenke keine Versprechen.
Du beginnst deine Niederlagen zu
akzeptieren mit erhobenem Kopf und dem Blick nach vorne, mit der Würde eines
Erwachsenen und nicht mit der Traurigkeit eines Kindes.
Du begreifst, alle deine Wege im
Heute zu errichten, weil das Gelände von Morgen zu unsicher ist zum Planen und
weil die Zukunft die Angewohnheit hat, ins Nichts zu stürzen.
Nach einiger Zeit begreifst du, dass
die Sonne dich verbrennt, wenn du dich ihr zu lange aussetzt. Und du begreifst,
dass es nichts ausmacht, wie bedeutend du bist, weil einige Menschen einfach
nicht bedeutend sind... Und du
akzeptierst, dass, egal wie gut ein Mensch ist, er dich manchmal verletzen wird
und du ihm das vergeben musst. Du begreifst, dass Reden emotionale Schmerzen
lindern kann.
Du entdeckst, dass es Jahre braucht
um Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören - und dass du in
einem kleinen Moment Sachen machen kannst, die du für den Rest deines Lebens
bereust.
Du begreifst, dass wahre
Freundschaften beständig wachsen - selbst über weite Entfernungen. Und dass es
nicht wichtig ist, was du hast im Leben, sondern wen du hast. Und dass gute
Freunde eine Familie sind, die uns erlaubt auszuwählen.
Du begreifst, dass wir nicht unsere
Freunde wechseln müssen, wenn wir verstehen, dass die Freunde wechseln...
Du begreifst, dass deine besten
Freunde und du jede Sache machen können - oder auch nichts - und ihr gute
Momente miteinander haben werdet.
Du entdeckst, dass die Menschen, die
dir am meisten bedeuten im Leben, sehr schnell von dir genommen werden
können...; deswegen müssen wir immer die Menschen, die wir lieben, mit
liebevollen Worten zurücklassen, denn es könnte das letzte Mal sein, dass wir
uns sehen.
Du begreifst, dass die Umstände und
die Umgebung Einfluss haben auf uns, aber wir sind selber verantwortlich für
sie.
Du beginnst zu begreifen, dass man
sich nie vergleichen darf mit den anderen, wohl aber mit dem besten, was man sein
könnte.
Du entdeckst, dass du viel Zeit
brauchst um die Person zu werden, die du sein möchtest, und dass die Zeit kurz
ist.
Du begreifst, dass nicht wichtig ist,
woher du kommst, aber wohin du gehst..., aber wenn du nicht weißt, wohin du
gehst, jeder Weg recht sein kann.
Du begreifst, dass entweder du deine
Handlungen steuerst oder sie dich... und dass flexibel zu sein nicht bedeutet
schwach zu sein oder keine Persönlichkeit zu haben, denn egal wie fein oder
zerbrechlich eine Situation ist, immer gibt es zwei Seiten.
Du begreifst, dass Helden die
Menschen sind, die tun, was notwendig ist und die den Konsequenzen ins Auge
blicken.
Du begreifst, dass Geduld viel Übung
braucht. Du entdeckst, dass manchmal der
Mensch, von dem du erwartest, dass erauf dich schießt, wenn du fällst, einer
von den wenigen ist, die dir helfen aufzustehen.
Du begreifst, dass Reife mehr zu tun
hat mit den Erfahrungen die du hast oder die du gesammelt hast als damit, wie
viele Geburtstage du gefeiert hast.
Du begreifst, dass du mehr von deinen
Eltern in dir hast als du angenommen hast.
Du begreifst, dass du niemals einem
Kind sagen darfst, dass seine Träume Blödsinn sind. Nur wenige Sachen sind so
erniedrigendwie dies, und es wäre eine Tragödie, wenn das Kind dir glauben würde. Du
begreifst, dass du, wenn du wütend bist, das Recht hast, wütend zu sein, aber nicht das Recht, grausam zu sein.
Du entdeckst, dass die Tatsache, dass
jemand dich nicht so liebt, wie du es gerne hättest, nicht bedeutet, dass
dieser Mensch dich nicht nach Kräften liebt, denn es gibt Menschen, die uns
lieben, aber einfach nicht wissen, wie sie das zeigen oder leben können. Du
begreifst auch, dass es manchmal nicht ausreicht, dass jemand einem vergibt...
manchmal musst du lernen dir selber zu vergeben.
Du begreifst, dass du mit der selben
Strenge, mit der du urteilst, einmal verurteilt werden wirst. Du begreifst,
dass es nicht entscheidend ist, in wie viele Stücke dein Herz geteilt worden
ist - die Welt bleibt nicht stehen, damit du es wieder zusammensetzen kannst.
Du begreifst, dass die Zeit nicht
etwas ist, das wieder zurückkommt. Daher pflanze deinen Garten und schmücke
deine Seele, und hoffe, dass irgendwann jemand ihr Blumen bringt.
Und du begreifst, dass du wirklich
etwas ertragen kannst, dass du wirklich stark bist und sehr viel länger gehen
kannst als du dachtest. Und dass wirklich das Leben wertvoll ist und du
wertvoll bist durch das Leben.
Unsere Zweifel sind Verräter und
sorgen dafür, dass wir das Gute verlieren, das wir erreichen könnten, wenn wir
nicht die Angst davor hätten, etwas zu versuchen.
(William Shakespeare)
Die
zwei Tage in der "Hauptstadt des Bistums", in Coroata, waren
so beeindruckend, dsss es mir schwerfällt, die vielen Eindrücke angemessen
wiederzugeben.
Beeindruckend die Sorgfalt, mit der
unser Besuch (unter anderem auch von Martinas Freundin Lindalva!) geplant war,
angefangen von den beiden Autos samt Fahrer, die uns immer pünktlich von einem
Ort zum nächsten brachten, über die extra für uns gekaufte neue Bettwäsche im
Bistumszentrum, wo wir übernachtet haben, bis hin zu den Menschen, die an allen
Besuchs-Orten bereits auf uns warteten und uns mit Freude empfingen. Ganz zu
schweigen natürlich von dem leckeren Essen und Trinken, das uns überall
serviert wurde.
Beeindruckend (und bedrückend!) das Leid, das uns an so vielen
Stellen berichtet wurde, sei es im zeitweise für deutsche Ärzte genutzten
Notkrankenhaus des Bistums das Leid der Kranken, die in Scharen aus bis zu 1000
km angereist kommen, weil sie von den hiesigen Ärzten weder medizinisch noch
menschlich würdig "behandelt" werden, sei es das Leid der
Ex-Drogenabhängigen in den "Fazendas de Esperanza", das ihnen angetan
wurde (wir haben 12- und 13jährige gesehen, denen die Drogen von älteren
"Freunden" verabreicht wurden!) und das sich selber und anderen
angetan haben, sei es das Leid der Landarbeiter, die aus ihren Dörfern
vertrieben werden, weil jemand sich das Landrecht unter den Nagel gerissen hat
und das Land zu Spekulationszwecken oder zur Viehzucht von Palmen und Menschen
"säubern" möchte.
Beeindruckend aber auch die Menschen,
die sich für das Leben und die Würde dieser leidenden Menschen einsetzen:
Tuinha und Martin bei der Landpastoral, Pater Luis auf den Fazendas, Schwester
Veronika im Krankenhaus - und die vielen anderen, die mit ihnen haupt- oder
ehrenamtlich dem unermesslich scheinenden Leid ihr Engagement, ihren
Widerstand, ihre Liebe und auch ihre gläubige Zuversicht entgegensetzen.
Sehr gefreut haben wir uns über die
Rückmeldung eines Ex-Drogenabhängigen, dass er unser CAC-Projekt auch als eine
Art Prävention gegen eine Suchtkarriere der Kinder sieht und wichtig findet.
Und besonders gefreut haben wir uns
auch über den Bischof, der zwei Mal extra zu uns ins Zentrum kam, um sich zu
erkundigen, wie es uns geht, und der uns dann noch in sein Haus zum Mittagessen
einlud, bei dem er selber uns bei Tisch bediente und verwöhnte. Beim
anschließenden Gespräch, für das er sich richtig viel Zeit nahm, erkundigte er
sich ausführlich über unsere Erfahrungen, unser Projekt und unser
Jugendaustausch und erzählte auch von
sich und seiner nicht immer leichten Arbeit. In einer Nebenbemerkung ließ er
durchblicken, dass es ihm nicht zuletzt deswegen ein besonderes Anliegen
gewesen sei, uns einzuladen (Eleana erzählte, dass er uns ursprünglich eine
Woche nach Coroata hatte einladen wollen!), weil ihm das Treffen in Münster so
gefallen habe und weil er gewusst habe, dass der Pfarrer hier in Timbiras sich
nicht um uns und das Projekt kümmern werde und er das ein wenig habe
ausgleichen wollen. Danke, Dom Sebastiao!
Schon
bei meinem letzten Besuch in Timbiras (2006) war es ein Evangelium in der
Sonntagsmesse, das durch den besonderen Ort für mich eine ganz neue Dimension
bekam: damals war es so, dass ich auf der Hinfahrt nach Timbiras total
beeindruckt davon war, dass auch an diesen doch so entlegenen Ort auf
irgendeine Art und Weise der Glaube an Jesus Christus gelangt war (übrigens:
ca. 1900 durch Kapuzinermönche!). Und dann wurde am Sonntag in der Kirche die
Bitte Jesu an seine Jünger vorgelesen, dass sie in die ganze Welt hinausgehen
sollen um allen Menschen die Gute Nachricht zu bringen....
Dieses
Mal war es das Evangelium von der Aussendung der Jünger, das ja auch für
Franziskus so wichtig geworden ist:
-
immer zu zweit zu gehen: das könnte man auch auf die Partnerschaft von zwei
Gemeinden beziehen, die sich gegenseitig in praktischen Dingen, aber auch dabei
unterstützen können, wichtige Fragen von verschiedenen Seiten aus zu betrachen
und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen
-
nichts mit auf den Weg zu nehmen: auf Schritt und Tritt merken wir hier, wie
wichtig, aber auch wie schwierig es ist, unser "Gepäck" (als
Deutsche, als Mann / Frau, als jedeR einzelne) beiseite zu lassen, um wirklich
offen zu sein für das, was die gegenwärtige Situation erfordert
-
sich in ein Haus aufnehmen zu lassen und dort zu bleiben: auch diese
Lebensweise der Jünger wird mit dem Hintergrund unseres Austausches viel
plastischer
-
Ungeist auszutreiben und Kranke zu heilen: wir begegnen hier schon manchem, was
uns als Ungeist erscheint und sprechen viel darüber, wie es uns damit geht. Vom
Austreiben sind wir weit entfernt, aber Franklin sagte neulich, er habe den
Eindruck, dass im CAC eine "andere Sprache" gesprochen wird:
aufmerksam und respektvoll. Und um Kranke zu heilen haben wir ja Marita hier,
die wirklich unermüdlich ihre Hausbesuche macht und schon so manches Leid
gemildert hat...
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