Montag, 23. Juli 2012


Nachdem das gestrige vom CAC ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick, Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig", ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war alles andere ein Kinderspiel.
auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt

Das nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort "pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden, die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß, was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet. Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen - Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird. Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen. Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein einziges Bier mit ihm....
Mein letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf: Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die "tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-) auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt: wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist, mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu beschäftigen.

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