Nachdem das gestrige vom CAC
ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über
die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo
ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was
mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische
Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das
erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick,
Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig",
ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne
Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des
Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch
Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer
dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die
Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und
dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in
die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in
Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch
einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich
weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen
Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht
vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die
zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem
gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war
alles andere ein Kinderspiel.
| auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt |
Das
nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso
zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine
beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort
"pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so
gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis
zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung
gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach
unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden,
die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder
Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß,
was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer
praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise
Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem
lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und
monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als
nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in
meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet.
Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen
- Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird.
Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man
glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder
verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in
die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele
andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und
ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach
der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen
lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem
Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen.
Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der
vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca
in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn
vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein
einziges Bier mit ihm....
Mein
letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so
wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen
zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet
wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf:
Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im
wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die
"tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-)
auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um
Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a
atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits
wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt:
wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den
Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist,
mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir
hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören
oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor
Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata
wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit
erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie
die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die
atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie
es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu
beschäftigen.
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