Sonntag, 15. Juli 2012


Lange Zeit habe ich mit Brasilien nicht nur Sonne, Stand und Samba verbunden, sondern auch das "tudo vale", das "alles ist möglich". Aber je besser ich Timbiras und unsere Freunde hier kennen lerne, um so klarer wird mir, dass das so nicht stimmt, zumindest nicht, wenn man nicht als Tourist, sondern im Rahmen einer Partnerschaft und Freundschaft unterwegs ist. Ich merke selber, an wie vielen Punkten es wichtig ist, sich anders zu verhalten als im "normalen deutschen Alltag" und die Ratschläge unserer Freunde und "Profis" zu beachten, weil man ansonsten sich selber oder den Gastgebern Unannehmlichkeiten oder sogar Schäden bereiten könnte.
Nur einige kleine Beispiele sollen das veranschaulichen.
Es fängt an mit (allgegenwärtigen!) Kleinigkeiten, wie dem Trinken von Wasser - und man muss hier viel Wasser trinken! Natürlich kommt nur gefiltertes oder gekauftes Trinkwasser in Frage, nicht das aus dem Hahn, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten muss man daran denken, wie etwa bei Obst und Gemüse (wie gewaschen?), bei Eiswuerfeln oder beim Zähneputzen. Ein kleiner Moment der Unanchtsamkeit kann schwerwiegende und - im wahrsten Sinne - überflüssige Folgen haben!
Wasserfilter
Ähnliches "Umdenken" gilt für den Umgang mit Toilettenpapier: wenn man es versehentlich statt in den bereitstehenden Mülleimer in die Toilette geworfen hat, drohen reziproke Folgen (bezogen auf die des Genusses von ungefiltertem Wasser) für das Kanalsystem und seinen Besitzer.
Eine der größten Sorgen unserer Gastgeber ist unsere Sicherheit. Bei unseren letzten Besuchen haben sie festgestellt, wie anstrengend es für sie war, Gefahren von uns fernzuhalten, für die sie selber sehr sensibel sind, die wir aber oft überhaupt nicht einschätzen oder wahrnehmen können. Gerade vor ein paar Tagen ist es noch vorgekommen, dass Leuten aus Timbiras mit vorgehaltener Pistole ihre Handys abenommen worden sind oder bei einem Bandenkampf ein Jugendlicher erstochen worden ist. Es kann gut passieren, dass wir diese drohende Gewalt gar nicht oder erst zu spät wahrnehmen. Daher ist es gut, im Zweifel lieber ein wenig vorsichtiger zu sein, um nichts zu riskieren und die Nerven der Gastgeber nicht zu sehr zu strapazieren. Das bedeutet vor allem, nach Einbruch der Dunkelheit nicht ohne einheimische Begleitung unterwegs zu sein, bei manchen Wegen auch nur mit dem Motorrad und Handy und Kamera nciht zu offensichtlich zu benutzen. Das bedeutet auch, bestimmte Situationen (Ansprache von Fremdem, Besuch bestimmter Orte) ganz zu meiden oder bei Festen nicht bis zum Ende zu bleiben, weil es beim Aufbrechen oft zu Auseinandersetzungen oder Unfälllen durch Betrunkene kommt. Gerade neulich noch ist eine Verwandte von Carlas Gastmutter durch einen betrunkenen Motorradfahrer nach einem Fest so schwer angefahren worden, dass sie einen offenen Unterschenkelbruch erlitten hat und in ein weit entferntes Krankenhaus gebracht werden musste (in Timbiras kann nicht operiert werden!)
Nach außen hin erscheint dies vielleicht wie eine Bevormundung oder Einschränkung unserer Freiheiten, aber uns allen ist klar, dass es letztlich dazu dient, dass wir alle miteinander diese Tage und Wochen genießen können.....

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