Donnerstag, 30. August 2012

Hier kommt noch ein Beitrag von "unserer Gynäkologin" Marita, den ich leider erst jetzt online stellen konnte.....

Das Gesundheitssystem objektiv zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die Informationen dazu sind doch recht widersprüchlich.
Also, es gibt eine „Gesundheitskarte – SOS“, die jeder erhalten kann. Mit dieser Karte können Ärzte kostenfrei aufgesucht und ambulante/stationäre Behandlungen erstattet werden. Soweit die offizielle Version. Allerdings haben wir hier erfahren, dass Termine bei Ambulanzen und Ärzten oft sehr spät vergeben werden - auch bei akuten Beschwerden. Bei Barzahlung sieht das schon wieder ganz anders aus. In der Krankenhausapotheke können Medikamente kostenfrei abgeholt werden, jedoch sind die verordneten Medikamente oft nicht verfügbar, Ersatzpräparate durchaus vorhanden - aber kostenpflichtig.

In Timbiras gibt es auch ein Krankenhaus, das laut Aussagen der Krankenhausdirektorin rotierend über 3 Ärzte verfügt, ein Arzt sei ständig in Timbiras erreichbar. Dieses „alte“ Krankenhaus hat 50 Betten und ist für die akute Notfallversorgung zuständig, der OP wurde vor 3 Jahren geschlossen. Die weitere Versorgung erfolgt dann in Codo (ca 25-30 km entfernt), Coroata (ca 40 km entfernt) oder Teresina (ca 150 -200 km entfernt). Es gibt auch ein „neues“ Krankenhaus in Timbiras, das etwas außerhalb liegt und noch zu Ende gebaut und eingerichtet werden muss. Laut offizieller Aussage ist Mitte August 2012 die Einweihung, was nach unserem Eindruck schwer vorstellbar ist. Als ich vor 2 Jahren hier war, wurde November 2010 als Eröffnungstermin angegeben. Ein Regierungsprogramm hatte vor einigen Jahren den Bau von Krankenhäusern gefördert. In Maranhao wurden 72 neue Krankehäuser gebaut, bislang sind erst 10 funktionsfähig. Bei den anderen ist meist das Geld ausgegangen.

Während meiner Zeit in Timbiras hatte sich herumgesprochen, dass ich Ärztin bin und ich wurde zu „Consultas“ gebeten. Mit Martinas oder Eleanas Hilfe habe ich viele Krankengeschichten erfahren. Häufig habe ich nur Arzbriefe und -befunde gelesen, die dank der medizinischen Fachsprache auch für mich gut zu verstehen waren. Ich habe Untersuchungsergebnisse erklärt oder zu verschiedenen Therapien meine Meinung mitgeteilt. Das Vertrauen in die brasilianischen Ärzte ist gering, andererseits werden durchaus qualifizierte Befunde erstellt, die auch technisch auf einem hohen Niveau sind. Was scheinbar fehlt, ist die Erläuterung der Befunde in verständlicher Weise. Noch niemals habe ich so viele Ängste bei Frauen gespürt. Z.B. kam eine junge Frau zu mir, die Angst hatte an Krebs zu versterben, obwohl „nur“ ein Herzfehler festgestellt worden war, mit dem man aber wunderbar leben kann. Vieles wird als schicksalshaft und Gott gewollt hingenommen, nicht zu unterschätzen ist auch der Aberglaube bei verschiedenen Erkrankungen.
Einigen Frauen konnten wir „ Gracias a Deus“ wirklich helfen, anderen ein wenig die Angst nehmen oder bestehende Beschwerden erklären und einige Tipps geben. Natürlich ist das nicht nachhaltig, aber wir basteln an einer Idee, vielleicht mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vor Ort, tiefer in dasThema Gesundheit, Vorsorge, Aufklärung einzusteigen.

Ein weiteres Thema, das mir besonders am Herzen liegt ist die Ernährung. Die meisten Brasilianer essen zuviel Zucker, trinken zu wenig und je höher das Einkommen, umso mehr Fleisch wird gegessen. Reis und Bohnen ist hier das Standardgericht und je nach finanzieller Situation gibt es Rindfleisch oder Hühnchen dazu. Kaffee und Säfte werden ordentlich gesüßt und ordentlich bedeutet 2-3 Esslöffel Zucker auf ein Glas Saft.
Bluthochdruck und Diabetes sind laut Informationen der Schwestern in Coroata die häufigsten Erkrankungen. Ich habe schwere diabetische Hautgeschwüre gesehen und auch Amputationen von Extremitäten aufgrund einer Diabeteserkrankung seien hier ausgesprochen häufig.
Ich glaube, dass oft einfach das Wissen um gesunde Ernährung fehlt und die Zusammenhänge zu bestimmten Erkrankungen nicht klar sind. Gerade die genannten Kranheiten sind durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten gut beeinflussbar. Das gerade die Änderung von Gewohnheiten besonders schwierig ist, ist wahrscheinlich in Deutschland und Brasilien vergleichbar :)
Dennoch, es gibt auf dem Markt reichlich Gemüse und zwar zu bezahlbaren Preisen, die wunderbare Früchte nicht zu vergessen. In einigen Familien haben wir durchaus vegetarische Gerichte und Salate kennengelernt. Bei Carmen, eine Gastmutter, die auch im CAC -Projekt tätig ist, gibt es sogar einen richtigen Gemüsegarten im Hinterhof. Vielleicht gelingt es ja, Carmens Wissen um die Pflege eines Nutzgartens weiterzugeben und vielleicht könnte auch eine Ernährungsberatung oder ein Kochkurs unser Projekt bereichern. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.


Samstag, 28. Juli 2012


Wer hat an der Uhr gedreht....?
Kaum zu glauben, dass unsere letzte Woche in Timbiras sich schon fast dem Ende zuneigt. Sie stand und steht unter dem Motto "Was wir unbedingt noch tun möchten...", und das ist so viel, dass ich nur einiges andeuten kann.
Natürlich war es uns besonders wichtig unser Projekt zu beenden, was wir auch mit HIlfe unserer Freunde geschafft haben. Haus und Spielgeräte sind nun fertig gestrichen, der Sandkasten mit den bunten Flaschen umrandet und mit Sand gefüllt, der restliche Sand auf dem Gelände verteilt.
Dann war es uns noch wichtig, die Natur hier ausführlich zu erleben: Sonnenauf- und -untergang, das Besteigen eines Berges mit wunderbarem Blick über Timbiras, verschiedene Fahrten in das immer wieder bezaubernde "Interior" (Hinterland), der Besuch des Wochenmarktes und anderes. Als nächstes wollten wir noch einige für Timbiras typische kulturelle Leckerbissen so kennen lernen, dass wir sie mit nach Deutschland bringen können: Lieder (u.a. mit dem Jugendchor), Tanz (die Jugendlichen üben gerade Quadrilha), Essen (jedeR hat ein Gericht gelernt)...
ein Teil von Timbiras - aus der Vogelperspektive...

Und außerdem haben wir (bzw. habe ich) noch einige Personen kennen gelernt, die sich mit ihren ganz speziellen Fähigkeiten für das Gemeinwohl engagieren. Zum Beispiel eine Equipe, die sich für den Kinder- und Jugendschutz einsetzt und dafür viel Kritik einstecken muss. Oder Piedade und ihren Mann, die sich auch über den Tod ihrer geistig und körperlich behinderten Tochter Ana Carolina hinaus für die Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in diese von Unsicherheit, Unwissenheit und Vorurteilen durchsetzte Gesellschaft engagieren. Oder Rosimar, die als Heilpraktikerin mit einfachen Mitteln vielen Menschen hier besser und günstiger helfen kann als so mancher Arzt. Oder eine Gruppe junger Erwachsener ("fonte de vida"), die im Geist des Heiligen Franziskus völlig arm und nur von Spenden leben und versuchen, Kindern und Jugendlichen durch Theater, Tanz, Musik und Kunst den Weg in ein besseres Leben zu zeigen. Oder die brasilianischen Palottiner-Schwestern, die die verschiedenen relativ autonomen Gruppen der Gemeinde koordinieren. Oder die Mitglieder einer "politischen" Jugendgruppe, die versuchen, durch Diskussionen und Theater ihr kritisches Bewusstsein zu schärfen. Oder auch die Menschen in Alegria (einem "Interior"), die mit Hilfe der Land-Pastoral (Martin und Tuinha kannten wir ja bereits aus Coroata) versuchen, gegen den Widerstand des Großgrundbesitzers ein würdiges Leben in Einklang mit der Natur für die dort lebenden 400 Familien zu erstreiten. Und bestimmt habe ich noch einige vergessen.

Ihr seht, dass unser Kalender noch prall gefüllt ist. In den nächsten Tagen stehen noch Auswertungen und Verabschiedungen auf dem Programm. Und ich habe den Eindruck, dass alle das gerne noch ein wenig hinauszögern würden. Aber der Rückflug steht fest und lässt sich nicht um eine Woche nach hiinten verschieben wie bei Marita, von der wir uns schon gestern morgen verabschiedet haben. Montag morgen fahren wir dann von hier aus nach Barrerinhas in die Lencoes, ein Naturschutzgebiet, ca. 200 km westlich von Sao Luis am Meer gelegen, mit Sanddünen und Süßwasserseen, und dann am nächsten Donnerstag nach Sao Luis um von dort aus unseren Rückweg anzutreten. Alles Weitere wahrscheinlich erst danach...
Ate logo!

Montag, 23. Juli 2012


Eigentlich hätte ich es gleich erkennen können an dem routinierten Handgriff, mit dem die zehnjährige Michaele die Jalousie der Werkstatt hochschob, dass sie nicht einfach einem Monteur Bescheid geben würde, dass ein Fahrrad zu reparieren sei. Aber dann brauchte ich doch etwas Zeitk, bs ich begriff, dass sie es selber macht - und wie! Druckluftmaschine anstellen, Ventil (Marke: Auto!) fürs Pumpen richtigstellen, Reifen mit dem Gerät aufpumpen, feststellen, dass er wieder Luft verliert, das Loch "erhorchen", das Rad abmontieren, den Mantel abhebeln, den Schlauch wieder flicken (und zwar mit einer bei uns unbekannten Klebe-Masse und einer schwergängigen Presse), abwarten, dann Schlauch und Mantel wieder anbringen und das Rad montieren, und zwar sowohl im richtigen Abstand zum Rahmen als auch mit der richtigen Spannung der Kette - mit blieb der Mund offen stehen. Da wir während des Wartens ein wenig Zeit hatten, weiß ich nun, dass ihr Vater vor vier Jahren plötzlich gestorben ist und sie daher in der Werkstatt mithilft, wenn sie nicht zur Schule muss, und sich daher so gut auskennt. Sie ihrerseits konnte gar nicht verstehen, warum ich mich so wundere und dass es in Deutschland nicht viele zehnjährige Mädchen gibt, die das können. Normal kostet das Reparieren zwei Reais (weniger als ein Euro!) und von mir wollte sie partout nichts nehmen, aber da ihre Werkstatt und schon ein paar Mal für lau geholfen hatte und ich so begeistert war, habe ich das natürlich nicht akzeptiert. Allein schon dieses Mädel kennen zu lernen, war es wert!



Nachdem das gestrige vom CAC ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick, Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig", ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war alles andere ein Kinderspiel.
auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt

Das nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort "pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden, die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß, was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet. Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen - Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird. Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen. Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein einziges Bier mit ihm....
Mein letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf: Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die "tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-) auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt: wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist, mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu beschäftigen.

Samstag, 21. Juli 2012

Nicht vorenthalten moechte ich Euch auch einen Text von Shakespeare, den eine Theatergruppe uns bei unserem Besuch von Edelsons Uni in Codo vorgespielt hat. Der portugiesische Titel heisst "O Menestrel" (vielleicht kann ja jemand herausbekommen, wie die deutsche Version heisst), und der Text lautet uebersetzt so und passt doch wirklich hervorragend zu unserer Situation:


Nach einiger Zeit Begreifst du den Unterschied, den feinen Unterschied zwischen dem Reichen einer Hand und dem Fesseln einer Seele.
Und du begreifst, dass Lieben nicht bedeutet, sich zu stützen, und  Begleitung nicht Sicherheit.
Du beginnst zu begreifen, dass Küsse keine Verträge sind und Geschenke keine Versprechen.
Du beginnst deine Niederlagen zu akzeptieren mit erhobenem Kopf und dem Blick nach vorne, mit der Würde eines Erwachsenen und nicht mit der Traurigkeit eines Kindes.
Du begreifst, alle deine Wege im Heute zu errichten, weil das Gelände von Morgen zu unsicher ist zum Planen und weil die Zukunft die Angewohnheit hat, ins Nichts zu stürzen.
Nach einiger Zeit begreifst du, dass die Sonne dich verbrennt, wenn du dich ihr zu lange aussetzt. Und du begreifst, dass es nichts ausmacht, wie bedeutend du bist, weil einige Menschen einfach nicht bedeutend sind...  Und du akzeptierst, dass, egal wie gut ein Mensch ist, er dich manchmal verletzen wird und du ihm das vergeben musst. Du begreifst, dass Reden emotionale Schmerzen lindern kann.
Du entdeckst, dass es Jahre braucht um Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören - und dass du in einem kleinen Moment Sachen machen kannst, die du für den Rest deines Lebens bereust.
Du begreifst, dass wahre Freundschaften beständig wachsen - selbst über weite Entfernungen. Und dass es nicht wichtig ist, was du hast im Leben, sondern wen du hast. Und dass gute Freunde eine Familie sind, die uns erlaubt auszuwählen.
Du begreifst, dass wir nicht unsere Freunde wechseln müssen, wenn wir verstehen, dass die Freunde wechseln...
Du begreifst, dass deine besten Freunde und du jede Sache machen können - oder auch nichts - und ihr gute Momente miteinander haben werdet.
Du entdeckst, dass die Menschen, die dir am meisten bedeuten im Leben, sehr schnell von dir genommen werden können...; deswegen müssen wir immer die Menschen, die wir lieben, mit liebevollen Worten zurücklassen, denn es könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen.
Du begreifst, dass die Umstände und die Umgebung Einfluss haben auf uns, aber wir sind selber verantwortlich für sie.
Du beginnst zu begreifen, dass man sich nie vergleichen darf mit den anderen, wohl aber mit dem besten, was man sein könnte.
Du entdeckst, dass du viel Zeit brauchst um die Person zu werden, die du sein möchtest, und dass die Zeit kurz ist.
Du begreifst, dass nicht wichtig ist, woher du kommst, aber wohin du gehst..., aber wenn du nicht weißt, wohin du gehst, jeder Weg recht sein kann.
Du begreifst, dass entweder du deine Handlungen steuerst oder sie dich... und dass flexibel zu sein nicht bedeutet schwach zu sein oder keine Persönlichkeit zu haben, denn egal wie fein oder zerbrechlich eine Situation ist, immer gibt es zwei Seiten.
Du begreifst, dass Helden die Menschen sind, die tun, was notwendig ist und die den Konsequenzen ins Auge blicken.
Du begreifst, dass Geduld viel Übung braucht.  Du entdeckst, dass manchmal der Mensch, von dem du erwartest, dass erauf dich schießt, wenn du fällst, einer von den wenigen ist, die dir helfen aufzustehen.
Du begreifst, dass Reife mehr zu tun hat mit den Erfahrungen die du hast oder die du gesammelt hast als damit, wie viele Geburtstage du gefeiert hast.
Du begreifst, dass du mehr von deinen Eltern in dir hast als du angenommen hast.
Du begreifst, dass du niemals einem Kind sagen darfst, dass seine Träume Blödsinn sind. Nur wenige Sachen sind so erniedrigendwie dies, und es wäre eine Tragödie, wenn das Kind dir glauben würde. Du begreifst, dass du, wenn du wütend bist, das Recht hast, wütend zu sein, aber nicht das Recht, grausam zu sein.
Du entdeckst, dass die Tatsache, dass jemand dich nicht so liebt, wie du es gerne hättest, nicht bedeutet, dass dieser Mensch dich nicht nach Kräften liebt, denn es gibt Menschen, die uns lieben, aber einfach nicht wissen, wie sie das zeigen oder leben können. Du begreifst auch, dass es manchmal nicht ausreicht, dass jemand einem vergibt... manchmal musst du lernen dir selber zu vergeben.
Du begreifst, dass du mit der selben Strenge, mit der du urteilst, einmal verurteilt werden wirst. Du begreifst, dass es nicht entscheidend ist, in wie viele Stücke dein Herz geteilt worden ist - die Welt bleibt nicht stehen, damit du es wieder zusammensetzen kannst.
Du begreifst, dass die Zeit nicht etwas ist, das wieder zurückkommt. Daher pflanze deinen Garten und schmücke deine Seele, und hoffe, dass irgendwann jemand ihr Blumen bringt.
Und du begreifst, dass du wirklich etwas ertragen kannst, dass du wirklich stark bist und sehr viel länger gehen kannst als du dachtest. Und dass wirklich das Leben wertvoll ist und du wertvoll bist durch das Leben.
Unsere Zweifel sind Verräter und sorgen dafür, dass wir das Gute verlieren, das wir erreichen könnten, wenn wir nicht die Angst davor hätten, etwas zu versuchen.
(William Shakespeare)


Die  zwei Tage in der "Hauptstadt des Bistums", in Coroata, waren so beeindruckend, dsss es mir schwerfällt, die vielen Eindrücke angemessen wiederzugeben.
Beeindruckend die Sorgfalt, mit der unser Besuch (unter anderem auch von Martinas Freundin Lindalva!) geplant war, angefangen von den beiden Autos samt Fahrer, die uns immer pünktlich von einem Ort zum nächsten brachten, über die extra für uns gekaufte neue Bettwäsche im Bistumszentrum, wo wir übernachtet haben, bis hin zu den Menschen, die an allen Besuchs-Orten bereits auf uns warteten und uns mit Freude empfingen. Ganz zu schweigen natürlich von dem leckeren Essen und Trinken, das uns überall serviert wurde.
Beeindruckend (und  bedrückend!) das Leid, das uns an so vielen Stellen berichtet wurde, sei es im zeitweise für deutsche Ärzte genutzten Notkrankenhaus des Bistums das Leid der Kranken, die in Scharen aus bis zu 1000 km angereist kommen, weil sie von den hiesigen Ärzten weder medizinisch noch menschlich würdig "behandelt" werden, sei es das Leid der Ex-Drogenabhängigen in den "Fazendas de Esperanza", das ihnen angetan wurde (wir haben 12- und 13jährige gesehen, denen die Drogen von älteren "Freunden" verabreicht wurden!) und das sich selber und anderen angetan haben, sei es das Leid der Landarbeiter, die aus ihren Dörfern vertrieben werden, weil jemand sich das Landrecht unter den Nagel gerissen hat und das Land zu Spekulationszwecken oder zur Viehzucht von Palmen und Menschen "säubern" möchte.
Beeindruckend aber auch die Menschen, die sich für das Leben und die Würde dieser leidenden Menschen einsetzen: Tuinha und Martin bei der Landpastoral, Pater Luis auf den Fazendas, Schwester Veronika im Krankenhaus - und die vielen anderen, die mit ihnen haupt- oder ehrenamtlich dem unermesslich scheinenden Leid ihr Engagement, ihren Widerstand, ihre Liebe und auch ihre gläubige Zuversicht entgegensetzen.
Sehr gefreut haben wir uns über die Rückmeldung eines Ex-Drogenabhängigen, dass er unser CAC-Projekt auch als eine Art Prävention gegen eine Suchtkarriere der Kinder sieht und wichtig findet.
Und besonders gefreut haben wir uns auch über den Bischof, der zwei Mal extra zu uns ins Zentrum kam, um sich zu erkundigen, wie es uns geht, und der uns dann noch in sein Haus zum Mittagessen einlud, bei dem er selber uns bei Tisch bediente und verwöhnte. Beim anschließenden Gespräch, für das er sich richtig viel Zeit nahm, erkundigte er sich ausführlich über unsere Erfahrungen, unser Projekt und unser Jugendaustausch  und erzählte auch von sich und seiner nicht immer leichten Arbeit. In einer Nebenbemerkung ließ er durchblicken, dass es ihm nicht zuletzt deswegen ein besonderes Anliegen gewesen sei, uns einzuladen (Eleana erzählte, dass er uns ursprünglich eine Woche nach Coroata hatte einladen wollen!), weil ihm das Treffen in Münster so gefallen habe und weil er gewusst habe, dass der Pfarrer hier in Timbiras sich nicht um uns und das Projekt kümmern werde und er das ein wenig habe ausgleichen wollen. Danke, Dom Sebastiao!



Schon bei meinem letzten Besuch in Timbiras (2006) war es ein Evangelium in der Sonntagsmesse, das durch den besonderen Ort für mich eine ganz neue Dimension bekam: damals war es so, dass ich auf der Hinfahrt nach Timbiras total beeindruckt davon war, dass auch an diesen doch so entlegenen Ort auf irgendeine Art und Weise der Glaube an Jesus Christus gelangt war (übrigens: ca. 1900 durch Kapuzinermönche!). Und dann wurde am Sonntag in der Kirche die Bitte Jesu an seine Jünger vorgelesen, dass sie in die ganze Welt hinausgehen sollen um allen Menschen die Gute Nachricht zu bringen....
Dieses Mal war es das Evangelium von der Aussendung der Jünger, das ja auch für Franziskus so wichtig geworden ist:
- immer zu zweit zu gehen: das könnte man auch auf die Partnerschaft von zwei Gemeinden beziehen, die sich gegenseitig in praktischen Dingen, aber auch dabei unterstützen können, wichtige Fragen von verschiedenen Seiten aus zu betrachen und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen
- nichts mit auf den Weg zu nehmen: auf Schritt und Tritt merken wir hier, wie wichtig, aber auch wie schwierig es ist, unser "Gepäck" (als Deutsche, als Mann / Frau, als jedeR einzelne) beiseite zu lassen, um wirklich offen zu sein für das, was die gegenwärtige Situation erfordert
- sich in ein Haus aufnehmen zu lassen und dort zu bleiben: auch diese Lebensweise der Jünger wird mit dem Hintergrund unseres Austausches viel plastischer
- Ungeist auszutreiben und Kranke zu heilen: wir begegnen hier schon manchem, was uns als Ungeist erscheint und sprechen viel darüber, wie es uns damit geht. Vom Austreiben sind wir weit entfernt, aber Franklin sagte neulich, er habe den Eindruck, dass im CAC eine "andere Sprache" gesprochen wird: aufmerksam und respektvoll. Und um Kranke zu heilen haben wir ja Marita hier, die wirklich unermüdlich ihre Hausbesuche macht und schon so manches Leid gemildert hat...

Ein "poetisches Stilleben" aus Carlas Tagebuch:


...

Gerade haben wir zu abend gegessen, mein Gastbruder sitzt nun auf der Couch und spielt mit einem alten Gameboy, die Tuer steht offen und ich habe mich nach draussen vor die Haustuer gesetzt.
Ganz nach einheimischer Art sitzt hier nun und guck auf die Strasse. Dass ich dabei schreibe ist eigentlich schon zu viel Bewegung bei dieser Taetigkeit...
Ich versuche mal kurz die Kulisse zu beschreiben, denn dieses vor der Haustuer sitzen und nix tun ist ein ganz typischer Anblick wenn man abends durch die Strassen schlendert.

Der Boden unter meinen Fuessen ist noch warm, mit T-Shirt und kurzer Hose ist es weder zu kalt noch zu warm. Es weht ein ganz laues Lueftchen, die Strassenlaterne beleuchten Orangegelb die mit dem groben Kies versehene Strasse. Ein paar Meter weiter hoert man froehliche Forro-Musik, die Grillen zirpen laut. Auf der Strasse faehrt langsam ein Auto mit herabgelassenem Fenster und Musik vorbei. Das Knattern und kurze Hupen eines Motos kommt hinzu. Hupen tut man hier irgendwie immer. Zur Warnung, zur Begruessung von Freunden auf der Strasse, um jemandem hinterherzupfeifen oder weil man gerade einfach Lust dazu hat. Aber das Hupen hoert sich hier freundlicher an, weil jeder nur fuer eine Millisekunde auf die Hupe haut.
Still ist es hier eigentlich nie, wenn kein Auto mit Boxen auf dem Dach durch die Strasse faehrt, dann kraeht ein Hahn  oder man hoert die Gespraeche der anderen Menschn (die Betonung liegt auf hoeren nicht auf verstehen).
Vor mir geht ein junges Maedchen mit gekonntem Hueftschwung und einer gruenen Plastiktuete in der Hand vorbei. Sie steigt mit einem grossen Schritt ueber die Pfuetze in der Mitte der Strasse, woher das Wasser auf den Strassen kommt, weiss man oft nicht so genau, und bevor man durch das Waschwasser anderer Leute watet, steigt man doch lieber drueber. In der Pfuetze schwimmt eine einsame weisse Plastiktuete, am gegenueberliegenden Strassenrand liegen Plastikbecher und alte Verpackungen zwischen den Baeumen. Es gibt in meiner Strasse nur auf einer Seite einen Buergersteig, der Bordstein fehlt teilweise und ist verblasst und grau. 5 m. weiter sitzt ein Mann wie ich vor dem Haus, er kaut auf einem Zahnstocher und hat die Beine hochgelegt. Eine kleine unterernaehrte Katze schleicht im Schatten der Baeume vorbei in denen tagsueber Urubus sitzen. Zwischdurch hoere ich das Bellen eines Streuners, das Klappern des Bestecks das gerade in der Kueche gespuelt wird und das Piepsen des Gameboys. Staendig muss ich nach den Muecken schlagen, die jede Sekunde nutzen um einen bis zur Unendlichkeit zu zerstechen. Es sind mittlerweile locker an die 50 Stiche, da nuetzt Autan auch nur begrenzt....
Das was ich sehe wenn ich einfach auf die Strasse schaue ist schmutzig und verblasst, aber trotzdem laut, bunt und irgendwie friedlich. Ich denke hier werden einfach unglaublich viele Gegensaetze vereint und das sieht man auch in allen Bewegungen des Alltags. Waehrend ich hier ganz ruhig sitze, schiessen mir unendlich viele Gedanken und Eindruecke durch den Kopf,ein Gedankenkarusell dessen Geschwindigkeit man mir von aussen mit Sicherheit nicht ansieht.
Wenn man hier so sitzt, scheint die Zeit an Bedeutung zu verlieren und ich bin einfach gluecklich und zufrieden hier zu sein. Und trotzdem bin ich mir der Gegensatze auch in diesem Moment bewusst, ich weiss waehrend ich hier sitze passieren vielleicht nur ein paar Strassen weiter schreckliche Dinge, in denen Menschen Bedrohungen ausgesetzt sind an die ich nicht mal denken will.
Aber bei mir in diesem Moment ist alles gut und die Welt in Ordnung.
So langsam verstehe ich warum die Menschen hier abends stundenlang einfach vor der Haustuer sitzen ;)
...

Heute möchte ich ein wenig das Projekt unseres Jugendaustasuches beschreiben, nämlich die Renovierung des CAC-Hauses und der Spielplatz auf dem Gelände.
In der letzten Woche hat das Streichen der Wände des Hauses - von innen und von außen - den Hauptteil unserer Arbeit hier ausgemacht. Unsere Freunde hier hatten alles gut vorbereitet und Geld sowie Sachspenden (Farben, Utensilien etc.) gesammelt, so dass wir relativ zügig beginnen konnten. Dass dabei immer mehr Zeit als geplant draufgeht für die vorbereitenden Arbeiten wie Freiräumen, Säubern und Abkleben, wäre in Deutschland nicht viel anders. Außer dass man "dort" bestimmt nicht so oft einen großen Gecko findet, der sich dort häuslich eingerichtet hat und es gar nicht so schön findet, dass er (bestimmt nur vorübergehend!) eine neue Bleibe suchen muss. Das Besondere an unserer Arbeit war, dass wir die Kinder, die zu den CAC-Gruppen kommen, mit einbezogen haben, und zwar nicht nur als Beschäftigungs-Therapie oder als Arbeits-Erleichterung (das Gegenteil war der Fall!), sondern damit sie durch ihre eigene Arbeit ihr Haus mehr schätzen lernen, und auch deswegen, weil das Streichen für sie eine hervorragende (psycho-)motorische Übung war.
Das ganze lief also so ab, dass immer ein "streichkundiger" Brasilianer und Deutscher sich das "technische" Vorgehen überlegt haben und eine Förderkraft des Hauses zusammen mit Eleana oder Martina die pädagogische Umsetzung besprochen haben, zum Beispiel, wie die Kinder mitarbeiten können und welcher Erwachsene mit welchem Kind zusammenarbeitet. Und dieses Miteinander - von der kleinsten Ecke bis zur Fläche direkt am höchsten Giebel - hat allen Beteiligten sehr viel Spaß gemacht.

Neu für uns war, dass weiße Flächen hier meist nur gekälkt werden, was in Deutschland ja heutzutage weniger praktiziert wird.  Auch die anschließende Säuberung mit zentimetertiefem Wasser, das per Schrubber wieder zu den Türen herausbefördert wird, ist ein echtes Erlebnis.
In dieser Woche stand nun der Spielplatz auf dem Programm. Auch hier waren unsere Partner gut vorbereitet: es waren zwei Fachkräfte angeheuert worden, die die Hölzer für die Gestelle bereits vorbereitet hatten und Montag damit begannen, die Löcher zu graben und die Einzelteile zu bearbeiten, aufzurichten und zu verbinden. Der Spielplatz besteht aus einem niedrigeren Gestell mit zwei Schaukeln und einem etwas höheren und größeren mit zwei Schaukeln und einer Plattform, auf die eine Leiter und eine Seil-Konstruktion hinauf- und von der eine Rutsche (aus Holz) herunterführt.
Hier konnten wir nur sehr wenig mitarbeiten, zum einen aus Sicherheitsgründen, zum anderen, weil einfach nicht mehr als zwei bis drei Leute dort benötigt wurden. Unser Part war statt dessen die Vorbereitung eines Sandkastens (2 x 2 Meter). Hier liefen - ganz klischeemäßig - die Mädels beim Färben von Sand und zum Befüllen der Plastikflaschen, die als Umrandung dienen sollen und die Jungs beim Ausheben des Bodens zu wahrer Höchstform auf. Das Arbeiten in der Sonne steigerte unseren Respekt vor den beiden "Profis", die zwei Tage lang nur mit einer kurzen Mittagspause ihre schwere Arbeit in der prallen Sonne verrichteten. Was nun noch zu tun bleibt, ist das Streichen der Geräte, das Fertigstellen des Sandkastens und das Verteilen des restlichen und schon angelieferten Sandes auf dem Spielplatzgelände.

Gestern abend haben wir dann aus Anlass des "Bergfestes", als Dankeschön und zum Begutachten der ersten Arbeitsschritte unsere Gastfamilien ins Vereinshaus eingeladen und ihnen unsere "multimediale" Präsentation über Deutschland (Informationen, Tanz, Musik, Essen, das typische deutsche Spiel Plumpsack musste leider ausfallen, weil es schon spät war und die Brasilianer es ohnehin auch kennen....). Dabei wurden die Spielgeräte bereits von den Kindern begeistert in Anspruch genommen, was uns natürlich total gefreut hat.

Heute, der 17.07.2012, ist Bergfest unserer Reise. Dies haben wir zum Anlass genommen ein Interview zu führen, in dem wir uns gegenseitig Fragen zu unserem Befinden, unseren Eindrücken und Erfahrungen gestellt haben. Viel spaß beim lesen:
1. Frage:       Wenn du schätzen müsstest seit wie vielen Tagen wir jetzt in Timbiras sind?
Antwort:       Gefühlt seit ungefähr 30 Tagen. Das liegt daran, dass ich inzwischen meinen Alltag gefunden habe und wir arbeitsmäßig schon so viel geschafft haben. Außerdem ist das leben hier auch sehr anstrengend!
2. Frage:       Würdest du deine Gastfamilie eher als "eine" oder als "deine" Familie bezeichnen?
Antwort:       Es ist inzwischen doch schon eine gute Beziehung entstanden, sodass ich doch sagen kann dass es "meine" Familie ist!
3. Frage:       Wie hoch schätzt du die Temperatur in Timbiras tagsüber?
Antwort:       Joa, so min. 45ºC!
4. Frage:       Wann und wo geht hier die Sonne auf?
Antwort:       Auf jeden fall geht sie vor 6 auf und zwischen 5 und 6 geht sie unter. Ich glaube sie geht im Norden auf!
5. Frage:       Wie viele Mückenstiche hattest / hast du schon?
Antwort:       Pro Gliedmaß (Arme und Beine) so ca. 90. Also insgesammt min. 360 Stück!
6. Frage:       Wie oft hast du schon essen verweigert und warum?
Antwort:       Oft wollen wie mir noch mehr geben obwohl ich wirklich satt bin. Eine Melone war glaube ich faul, die wollte ich dann auch nicht so gerne essen. Aber ich habe schon sehr viel probiert, z.B. Hühnerfüße!
7. Frage:       Wie viele unbekannte Tiere sind dir bislang begegnet?
Antwort:       Viele Insekten, so strange Gebilde, die ich bislang noch nie gesehen habe. Dann sind da natürlich die Urubus und die Hunde und Katzen hier sehen doch sehr anders aus als bei uns!
8. Frage:       Wie viel Portugisisch verstehst du? (in %)
Antwort:       Also wenn sich dir Brasilianer untereinander unterhalten dann so ca. 0-5%
                   Wenn die Brasilianer mir etwas sagen wollen und langsam sprechen, dann so ca. 30-40%
9. Frage:       Nerven dich die Lautsprecherautos?
Antwort:       Nö, ich find die richtig cool!
10. Frage:     Wie viele Stunden am Tag läuft in deiner Familie der Fehrnseher?
Antwort:       Geschätzt so ca. 27 Stunden!
11.Frage:      Wie oft hast du dich schon in Timbiras verlaufen?
Antwort:       In den 2 Wochen ungefähr 3 mal. Aber einmal richtig, was eine 40 minütige Verspätung zur Follge hatte!
12. Frage:     Wie viele "Haustiere" habt ihr in deiner Familie schon gegessen?
Antwort:       1 Huhn!
13. Frage:    Würdest du behaupten schon einiges in sachen Hüftschwung gelernt zu haben?
Antwort:       Der Hüftschwung geht schon gut ab! Die Varietät hat schon stark zugenommen!
14. Frage:     Wie viele Stunden schläfst du am Tag?
Antwort:       Bestimmt 10 Stunden!
15.Frage:      Hast du vom Gewicht eher zu- oder abgenommen?
Antwort:       (Die Gruppe ist sich einig) Zugenommen!
16. Frage:    Wie viele Stunden am Tag verbringst du wirklich in der Sonne?
Antwort:       1 bis 2 Stunden!
17. Frage:     Was beunruhigt dich am meisten?
Antwort:       Das ich immer Freundlich zu allen sein muss. Außerdem beunruhigen mich die betrunkenen Motoradfahrer.
18. Frage:     Was hat dir bisher am besten gefallen?
Antwort:       Im Interior schlaen war hammer!
19. Frage:     Was mochtest du am meisten (Essen)?
Antwort:       Abacaxi-Saft und Beaf-Rippchen!
20. Frage:     Was mochtest du gar nicht (Essen)?
Antwort:       Gematschtes Huhn und das Getränk Jesus!
21. Frage:     Was stört dich sehr?
Antwort:       Dass das einfache Leben so ansträngend ist!
22. Frage:     Was könnte dich stöhren, tut es aber nicht?
Antwort:       Ich habe hier kein Handy und auch kein Internet. Das ist mir aber super egal!
23. Frage:     Was ist dir hier am meisten egal?
Antwort:       Pünktlichkeit, Ordnung,... die deutschen Prinzipien halt. Ja, und was morgen ist, ist mir eigentlich auch immer egal!
24. Frage:    Was vermisst du?
Antwort:       Meinen täglichen schwarzen Kaffe, Familie, Privatsphäre und nen guten Krimi
25. Frage:     Was hat dich am meisten überrascht?
Antwort:       Das die zu 6 auf einem Motorad fahren, das Schweine, Pferde, Ziegen und Küe auf der Straße chillen, wenn morgens kein Tier um Bad ist!
26. Frage:     Schmeckt die Cola genau so wie in Deutschland?
Antwort:       Ja, aber die Fanta ist leckerer!
27. Frage:     Was war dein längstes am Stück in der Sonne chillen?
Antwort:       Damals in Sao Luis so ca. 2 Stunden!
28. Frage:     Wie viel schwitzt du am Tag?
Antwort:       3 T-Shirts am Tag und eins in der Nacht!
29. Frage:     Wie oft kommst du zu spät zu einem Treffen?
Antwort:       80% (Lea)
30. Frage:     Wie viele verschiedene Säfte hast du schon getrunken?
Antwort:       Jeden Tag einen neuen. So ca. 20 bislang!
31. Frage:     Hast du dein persönliches Ziel für diese Reise schon gefunden / erfüllt?
Antwort:       Ja, bislang klappt es gut!
32. Frage:     Welche Regel stört dich am meisten?
Antwort:       Ich würde gerne im Fluss schwimmen!
33. Frage:     Willst du diese Regel noch brechen?
Antwort:       Ja, eigentlich schon gerne. Aber nur mit dem rest der Gruppe!

Bei Fragen sind wir erreichbar unter:
Tel.: schwierig
Internet: schwierig
Adresse: Kenne ich nicht

Worum geht es eigentlich bei unserem Projekt?
Eine wichtige Weichenstellung für die aktuelle Arbeit der associacao arco-iris in Timbiras erfolgte im letzten Jahr. Hatte es bislang verschiedene kleinere Projekte und Ansätze gegeben wie den Ankauf eines Hauses, die Errichtung einer Werkstatt zur Fliesenkleber-Produktion und Nachhilfe-Gruppen in den einzelnen Bairros (Stadtteilen), so liefen gleichzeitig  mehrere Entwicklungen in einem Punkt zusammen:
- das Fliesenkleber-Projekt wurde aufgegeben, das Haus war also frei
- das ehemalige "Vereinshaus", das sich ohnehin als etwas ungünstig für die Arbeit herausgestellt hatte, konnte günstig verkauft werden, es war also ein größerer Betrag für die Arbeit verfügbar
- die bisherige Form der Nachhilfe in den einzelnen Bairros konnte wegen des Weggangs von Schwester Elsa in eine neue Form gebracht werden
- Martina war gerade vor Ort und konnte bei der Neukonzeptionierung mtihelfen.
Schon länger bestand der Wunsch, statt der bisherigen dezetralen Nachhilfe eine Förderung von lernschwachen Kindern und Kinder mit Behinderungen (in Brasilien "criancas especiais" genannt!) an einem Ort durchzuführen. Dies alles war nun möglich, und so wurde das ehemalige Fliesenkleber-Haus den neuen Bedürfnissen als Zentrum unseres Projekts umgestaltet und fünf Personen als Honorarkräfte für die Arbeit mit den Kindern eingestellt und von Martina und Joisania auf ihre neue Arbeit vorbereitet.
Das Haus erhielt den Namen "CAC" (gesprochen kaki): Centro de Atencao a Crianca - Zentrum der Aufmerksamkeit für das Kind. Inzwischen hat sich das CAC bereits einen guten Ruf in Timbiras erworben und ist zum Hauptprojekt für die hiesige arco-iris-Vereinigung geworden.
Wie kann man sich das CAC-Haus genauer vorstellen?

1. Räumlich:
Das Haus hat einen Eingangsbereich, sodann einen großen "Saal", in dem sich 20 bis 30 Personen aufhalten können, und in dem sich auch ein kleiner Küchenbereich befindet, der durch eine "Bar" abgeteilt ist. Außerdem hat es einen kleineren Gruppenraum für etwa 10 Personen und eine Toilette mit Dusche. Drumherum befindet sich ein Außengelände  mit Sandboden, das zum Spielen und Feiern genutzt wird, und in dem wir während unseres Aufenthaltes einen Spielplatz ("parce", gesprochen parki) errichten möchten.

(Hier der Lageplan des Hauses mit dem Garten und den Spielgeraeten.)

2. Zeitlich:
In diesem Haus finden jede Woche verschiedene Angebote statt:

         montags       dienstags      mittwochs     donnerstags   freitags         samstags
7 - 9    Förder 1        Förder 1        Förder 1                                            Malen (Joao) 
9 - 10  Jugend         Jugend          Jugend       Jugend                    Theater (Raimundinha)

14 - 16 Förder 2        Förder 2        Förder 2       
15 - 17                                                         Förder 3        Förder 3
16 - 18                                         Förder 3

18.30  Alfabetis.      Alfabetis.      Alfabetis.      Alfabetisierung
- 20.30

3. Inhaltlich:
Die Fördergruppen sind der Kern der Arbeit. In jeder der drei Gruppen sind etwa zehn Kinder mit jeweils zwei Förderkräften. Das Wichtigste, was die Kinder hier geschenkt bekommen, ist, wie der Name des Hauses sehr schön andeutet, Aufmerksamkeit für ihre ganz individuelle Situation und Hilfe, um ihre Lernschwierigkeiten zu überwinden. Dabei sind auch die vielen Lernmaterialien, die in den Sc hulen fehlen, von Bedeutung. Bei jedem Treffen erhalten die Kinder eine kleine Zwischenmahlzeit, bestehend aus einem Fruchtsaft und Keksen.
Die Fördergruppe 3 besteht überwiegend aus Kindern mit Behinderungen und ist daher etwas kleiner.
Daneben gibt es Angebote für Kinder, die von den hiesigen arco-ris-Mitgliedern ehrenamtlich angeboten werden (was hier viel ungewöhnlicher ist als bei uns!). An der Malgruppe von Joao nehmen rund zehn Kinder - überwiegend Jungen - teil, an der Theatergruppe von Raimundina ebenfalls etwa zehn Kinder. Andere Angebote finden unregelmäßig statt, z.B. Capoeira.
Joao hilft Kindern, "ihre Zukunft zu malen"

Ferner gibt es zwei "externe" Organisationen, die für ihre Veranstaltungen das CAC-Haus nutzen:
Die örtliche Schule MEDICI mit einem Angebot im Rahmen des staatlichen "mais educacao"-Projekts; im Gegenzug dafür unterstützt sie arco-iris bei den Zwischenmahlzeiten und hat als Verantwortliche für ihre Arbeit zwei von arco-iris vorgeschlagene Kräfte eingestellt.
Und das staatliche Programm "Brasil Alfabetizado", das jeden Abend drei Gruppen von je 15 Personen in den Räumen des CAC-Hauses versammelt, die dort mit je einer Lerhkraft in einem immer acht Monate dauernden Kurs Lesaen, Schreiben und die Grundbegriffe der Mathematik lernen. In diesen Kursen sind auch viele Eltern der CAC-Kinder eingeschrieben, die nicht nur für sich selber Lesen und Schreiben lernen möchten, sondern auch, um ihren Kindern besser helfen zu können.

4. Personell:
Als Koordinatorin arbeitet Joisania, als Förderkräfte Rosana, Carmen, Claudia, Celia und Mariazinha. Für "mais educacao" angestellt sind Gilda und Glauciane. Unverzichtbar ist aber auch die Mithilfe der ehrenamtlich tätigen und natürlich der Eltern, insbesondere der Mütter, aber auch einiger Väter. Ohne sie könnten viele anfallende Arbeiten nicht erledigt werden und könnten die Kinder oft nicht an den Gruppen und Angeboten teilnehmen.

5. Finanziell:
Bis Anfang des Jahres 2012 reichte das Geld aus dem Verkauf des alten Vereinshauses. Für die Jahre 2012 bis 2015 wurde ein Antrag gestellt bei Adveniat und beim Kindermissionswerk, der gute Chancen hat. Bis er bewilligt ist, werden die laufenden Kosten von dem Geld bezahlt, das wir (lt.. Förderpraxis der Hilfswerke) als Eigenanteil einbringen müssen und können. Ab 2015 wird das Projekt dann seine Kosten mehr und mehr durch Gelder aus Brasilien bestreiten müssen. Sie zu beantragen und erhalten wird ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in den nächsten Jahren werden. 


Hallo, liebe Leserinnen und Leser,
nach einigen Tagen Pause, bedingt durch fehlendes Internet und einen zweitaegigen Besuch in Coroata, war hier einige Zeit nichts Neues zu sehen. Dafuer kommen nun einige neue Beitraege und auch Fotos!
Euer Andreas.

Sonntag, 15. Juli 2012


Nachmittags haben wir eine Gruppe im Projekthaus besucht. Es hat sehr viel Spaß gemacht mit den Kindern zu arbeiten und zu spielen. Eleana hat ein wenig von der Geschichte der Kinder gesprochen. Einige sind "normal", andere "behindert". 


Wobei viele nicht genau wissen, was die Kinder haben. Zum Beispiel die Schwestern von Franklin. Eleana hat sie ins Projekt geholt. Als sie sie das erste Mal gesehen hat, hat Franklins Schwester im Garten bei den Hühnern gesessen und sich auch so verhalten. Der Arzt hat auch gesagt: "Die kann nichts", undihr Tabletten gegen Epilepsie verschrieben. Eleana sagt, sie habe im Projekt unglaubliche Fortschritte gemacht. Die Ärzte wissen oft selber nicht Bescheid. An diesem Beispiel kann ich kurz schildern wo ich sehe, Fehler gemacht zu haben. Diese Kinder müssen sich wie Tiere fühlen. Und die Mitmenschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und auch das Verstädnis ist ein ganz anderes als wir es in Deutschlandhaben. Ich glaube, dass wir durch unserHandeln vielleicht ein kleines bisschen daran ändern können. Zum Beispiel hätte ich heute (wir sind in dem Haus von Franklins Mutter gewesen, wo dieses Hühnermädchen lebt) richtig auf sie zugehen können und mit ihr reden, sie anlachen undihr zeige, dass ich sie vertschätze. Aber sie saß ganz hinten im Garten (bei den Hühnern), und als ichsie entdeckt hatte und geschnallt hatte, dass sie das ist, mussten wir auch schon wieder fahren. Aber das sind Momente, die wirklich wichtig sind und in denen wir uns Zeit nehmen müssen.
Am Abend haben wir die Alfabetisierungsgruppe im Vereinshaus besucht. Die Analfabeten, die daran teilnehmen, sind oft Eltern der Kinderim Projekt und kommen zum einen, um ihren Kindern beim Lernen helfen zu können, und zum anderen, weil sie selber (zumindest ihren Namen!) schreiben zu lernen und z.B. nicht mehr mit dem Daumen unterschreiben zu müssen. Sie haben ein super schwaches Selbstbewusstsein. Viele haben sich bei der Vorstellungsrunde nicht getraut ihren Namen zu sagen. Aber in der brasiianischen Gesellschaft wird es ihnen auch gezeigt und vermittelt, dass sie nichts wert sind.
(Lukas)
Dieser Mann hat uns alle so fasziniert, weil er sich so ueber seine  Lese- und Schreibfortschritte freute, dass ihm sein Laecheln den ganzen Abend nicht aus dem Gesicht wich. Fuer dieses Foto hat er leider das Laecheln ein wenig reduziert.


Der Besuch bei der "Gewerkschaft" der Frauen, die die Babacu-Nüsse ernten und verarbeiten, erhielt plötzlich eine unerwartete Wendung. Anders als erwartet wollten  sie uns nämlich nicht zeigen, wie ihr Projekt - die maschinelle Verbesserung ihrer Arbeit - funktionierte, sondern erzählen, dass es nicht funktioniert hatte. Das Hilfswerk PLAN - so erzählte die Vorsitzende - hätte ihnen Maschinen eines bestimmten Herstellers aufgenötigt, der Probleme verursacht hätte, durch die sie jetzt nicht nur keine Maschinen, sondern auch noch einen Haufen Schulden und eine Aufkündigung der Zusammenarbeit durch die PLAN hätten. Erst so nach und nach stellte sich heraus, dass wohl Maschinen geliefert worden waren (sie rosteten draußen vor sich hin), aber die falschen, dass irgendeine unkundige und / oder unberechtigte Person den Erhalt quittiert hatte, und dass niemand sich zuständig und / oder imstande gefühlt hatte, diese Maschinen zu reklamieren oder zurückzuschicken..

Dahinter steckten noch andere Streitigkeiten zwischen verschiedenen Babacu-Frauen-Zusammenschlüssen und zwischen den reicheren und ärmeren Mitgliedern der Gruppe aus Timbiras. Warum sie uns das erzählten? Weil sie auf Hilfe aus Deutschland hofften. Die konnten wir natürlich nicht versprechen. auch keine rechtliche Hilfe - mit der taten sich anscheinend selbst schon die einheimischen Rechtsanwälte schwer!
Das ganze war nicht nur sehr schwer zu  verstehen (arme Eleana!), sondern auch sehr langatmig und redundant dargeboten. Aber trotzdem ein interessantes Lehrstück für die Kompliziertheit der Hilfebeziehungen zwischen den oftmals so verschiedenen Welten und Mentalitäten...

Lange Zeit habe ich mit Brasilien nicht nur Sonne, Stand und Samba verbunden, sondern auch das "tudo vale", das "alles ist möglich". Aber je besser ich Timbiras und unsere Freunde hier kennen lerne, um so klarer wird mir, dass das so nicht stimmt, zumindest nicht, wenn man nicht als Tourist, sondern im Rahmen einer Partnerschaft und Freundschaft unterwegs ist. Ich merke selber, an wie vielen Punkten es wichtig ist, sich anders zu verhalten als im "normalen deutschen Alltag" und die Ratschläge unserer Freunde und "Profis" zu beachten, weil man ansonsten sich selber oder den Gastgebern Unannehmlichkeiten oder sogar Schäden bereiten könnte.
Nur einige kleine Beispiele sollen das veranschaulichen.
Es fängt an mit (allgegenwärtigen!) Kleinigkeiten, wie dem Trinken von Wasser - und man muss hier viel Wasser trinken! Natürlich kommt nur gefiltertes oder gekauftes Trinkwasser in Frage, nicht das aus dem Hahn, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten muss man daran denken, wie etwa bei Obst und Gemüse (wie gewaschen?), bei Eiswuerfeln oder beim Zähneputzen. Ein kleiner Moment der Unanchtsamkeit kann schwerwiegende und - im wahrsten Sinne - überflüssige Folgen haben!
Wasserfilter
Ähnliches "Umdenken" gilt für den Umgang mit Toilettenpapier: wenn man es versehentlich statt in den bereitstehenden Mülleimer in die Toilette geworfen hat, drohen reziproke Folgen (bezogen auf die des Genusses von ungefiltertem Wasser) für das Kanalsystem und seinen Besitzer.
Eine der größten Sorgen unserer Gastgeber ist unsere Sicherheit. Bei unseren letzten Besuchen haben sie festgestellt, wie anstrengend es für sie war, Gefahren von uns fernzuhalten, für die sie selber sehr sensibel sind, die wir aber oft überhaupt nicht einschätzen oder wahrnehmen können. Gerade vor ein paar Tagen ist es noch vorgekommen, dass Leuten aus Timbiras mit vorgehaltener Pistole ihre Handys abenommen worden sind oder bei einem Bandenkampf ein Jugendlicher erstochen worden ist. Es kann gut passieren, dass wir diese drohende Gewalt gar nicht oder erst zu spät wahrnehmen. Daher ist es gut, im Zweifel lieber ein wenig vorsichtiger zu sein, um nichts zu riskieren und die Nerven der Gastgeber nicht zu sehr zu strapazieren. Das bedeutet vor allem, nach Einbruch der Dunkelheit nicht ohne einheimische Begleitung unterwegs zu sein, bei manchen Wegen auch nur mit dem Motorrad und Handy und Kamera nciht zu offensichtlich zu benutzen. Das bedeutet auch, bestimmte Situationen (Ansprache von Fremdem, Besuch bestimmter Orte) ganz zu meiden oder bei Festen nicht bis zum Ende zu bleiben, weil es beim Aufbrechen oft zu Auseinandersetzungen oder Unfälllen durch Betrunkene kommt. Gerade neulich noch ist eine Verwandte von Carlas Gastmutter durch einen betrunkenen Motorradfahrer nach einem Fest so schwer angefahren worden, dass sie einen offenen Unterschenkelbruch erlitten hat und in ein weit entferntes Krankenhaus gebracht werden musste (in Timbiras kann nicht operiert werden!)
Nach außen hin erscheint dies vielleicht wie eine Bevormundung oder Einschränkung unserer Freiheiten, aber uns allen ist klar, dass es letztlich dazu dient, dass wir alle miteinander diese Tage und Wochen genießen können.....