Hier kommt noch ein Beitrag von "unserer Gynäkologin" Marita, den ich leider erst jetzt online stellen konnte.....
Das Gesundheitssystem objektiv
zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Die Informationen dazu sind
doch recht widersprüchlich.
Also, es gibt eine „Gesundheitskarte
– SOS“, die jeder erhalten kann. Mit dieser Karte können Ärzte
kostenfrei aufgesucht und ambulante/stationäre Behandlungen
erstattet werden. Soweit die offizielle Version. Allerdings haben wir
hier erfahren, dass Termine bei Ambulanzen und Ärzten oft sehr spät
vergeben werden - auch bei akuten Beschwerden. Bei Barzahlung sieht
das schon wieder ganz anders aus. In der Krankenhausapotheke können
Medikamente kostenfrei abgeholt werden, jedoch sind die verordneten
Medikamente oft nicht verfügbar, Ersatzpräparate durchaus vorhanden
- aber kostenpflichtig.
In Timbiras gibt es auch ein
Krankenhaus, das laut Aussagen der Krankenhausdirektorin
rotierend über 3 Ärzte verfügt, ein Arzt sei ständig in Timbiras
erreichbar. Dieses „alte“ Krankenhaus hat 50 Betten und ist für
die akute Notfallversorgung zuständig, der OP wurde vor 3 Jahren
geschlossen. Die weitere Versorgung erfolgt dann in Codo (ca 25-30 km
entfernt), Coroata (ca 40 km entfernt) oder Teresina (ca 150 -200 km
entfernt). Es gibt auch ein „neues“ Krankenhaus in Timbiras, das
etwas außerhalb liegt und noch zu Ende gebaut und eingerichtet
werden muss. Laut offizieller Aussage ist Mitte August 2012 die
Einweihung, was nach unserem Eindruck schwer vorstellbar ist. Als ich
vor 2 Jahren hier war, wurde November 2010 als Eröffnungstermin
angegeben. Ein Regierungsprogramm hatte vor einigen Jahren den Bau
von Krankenhäusern gefördert. In Maranhao wurden 72 neue
Krankehäuser gebaut, bislang sind erst 10 funktionsfähig. Bei den
anderen ist meist das Geld ausgegangen.
Während meiner Zeit in Timbiras
hatte sich herumgesprochen, dass ich Ärztin bin und ich wurde zu
„Consultas“ gebeten. Mit Martinas oder Eleanas Hilfe habe ich
viele Krankengeschichten erfahren. Häufig habe ich nur Arzbriefe und
-befunde gelesen, die dank der medizinischen Fachsprache auch für
mich gut zu verstehen waren. Ich habe Untersuchungsergebnisse erklärt
oder zu verschiedenen Therapien meine Meinung mitgeteilt. Das
Vertrauen in die brasilianischen Ärzte ist gering, andererseits
werden durchaus qualifizierte Befunde erstellt, die auch technisch
auf einem hohen Niveau sind. Was scheinbar fehlt, ist die Erläuterung
der Befunde in verständlicher Weise. Noch niemals habe ich so viele
Ängste bei Frauen gespürt. Z.B. kam eine junge Frau zu mir, die
Angst hatte an Krebs zu versterben, obwohl „nur“ ein Herzfehler
festgestellt worden war, mit dem man aber wunderbar leben kann.
Vieles wird als schicksalshaft und Gott gewollt hingenommen, nicht zu
unterschätzen ist auch der Aberglaube bei verschiedenen
Erkrankungen.
Einigen Frauen konnten wir „ Gracias
a Deus“ wirklich helfen, anderen ein wenig die Angst nehmen oder
bestehende Beschwerden erklären und einige Tipps geben. Natürlich
ist das nicht nachhaltig, aber wir basteln an einer Idee, vielleicht
mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen vor Ort, tiefer in
dasThema Gesundheit, Vorsorge, Aufklärung einzusteigen.
Ein weiteres Thema, das mir besonders
am Herzen liegt ist die Ernährung. Die meisten Brasilianer
essen zuviel Zucker, trinken zu wenig und je höher das Einkommen,
umso mehr Fleisch wird gegessen. Reis und Bohnen ist hier das
Standardgericht und je nach finanzieller Situation gibt es
Rindfleisch oder Hühnchen dazu. Kaffee und Säfte werden ordentlich
gesüßt und ordentlich bedeutet 2-3 Esslöffel Zucker auf ein Glas
Saft.
Bluthochdruck und Diabetes sind laut
Informationen der Schwestern in Coroata die häufigsten Erkrankungen.
Ich habe schwere diabetische Hautgeschwüre gesehen und auch
Amputationen von Extremitäten aufgrund einer Diabeteserkrankung
seien hier ausgesprochen häufig.
Ich glaube, dass oft einfach das Wissen
um gesunde Ernährung fehlt und die Zusammenhänge zu bestimmten
Erkrankungen nicht klar sind. Gerade die genannten Kranheiten sind
durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten gut beeinflussbar. Das
gerade die Änderung von Gewohnheiten besonders schwierig ist, ist
wahrscheinlich in Deutschland und Brasilien vergleichbar :)
Dennoch, es gibt auf dem Markt
reichlich Gemüse und zwar zu bezahlbaren Preisen, die wunderbare
Früchte nicht zu vergessen. In einigen Familien haben wir durchaus
vegetarische Gerichte und Salate kennengelernt. Bei Carmen, eine
Gastmutter, die auch im CAC -Projekt tätig ist, gibt es sogar einen
richtigen Gemüsegarten im Hinterhof. Vielleicht gelingt es ja,
Carmens Wissen um die Pflege eines Nutzgartens weiterzugeben und
vielleicht könnte auch eine Ernährungsberatung oder ein Kochkurs
unser Projekt bereichern. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.
Donnerstag, 30. August 2012
Samstag, 28. Juli 2012
Wer hat an der Uhr gedreht....?
Kaum zu glauben, dass unsere letzte
Woche in Timbiras sich schon fast dem Ende zuneigt. Sie stand und steht unter
dem Motto "Was wir unbedingt noch tun möchten...", und das ist so
viel, dass ich nur einiges andeuten kann.
Natürlich war es uns besonders
wichtig unser Projekt zu beenden, was wir auch mit HIlfe unserer Freunde
geschafft haben. Haus und Spielgeräte sind nun fertig gestrichen, der
Sandkasten mit den bunten Flaschen umrandet und mit Sand gefüllt, der restliche
Sand auf dem Gelände verteilt.
Dann war es uns noch wichtig, die
Natur hier ausführlich zu erleben: Sonnenauf- und -untergang, das Besteigen
eines Berges mit wunderbarem Blick über Timbiras, verschiedene Fahrten in das
immer wieder bezaubernde "Interior" (Hinterland), der Besuch des
Wochenmarktes und anderes. Als nächstes wollten wir noch einige für Timbiras
typische kulturelle Leckerbissen so kennen lernen, dass wir sie mit nach
Deutschland bringen können: Lieder (u.a. mit dem Jugendchor), Tanz (die Jugendlichen
üben gerade Quadrilha), Essen (jedeR hat ein Gericht gelernt)...
| ein Teil von Timbiras - aus der Vogelperspektive... |
Und außerdem haben wir (bzw. habe
ich) noch einige Personen kennen gelernt, die sich mit ihren ganz speziellen
Fähigkeiten für das Gemeinwohl engagieren. Zum Beispiel eine Equipe, die sich
für den Kinder- und Jugendschutz einsetzt und dafür viel Kritik einstecken
muss. Oder Piedade und ihren Mann, die sich auch über den Tod ihrer geistig und
körperlich behinderten Tochter Ana Carolina hinaus für die Integration und
Inklusion von Menschen mit Behinderungen in diese von Unsicherheit,
Unwissenheit und Vorurteilen durchsetzte Gesellschaft engagieren. Oder Rosimar,
die als Heilpraktikerin mit einfachen Mitteln vielen Menschen hier besser und
günstiger helfen kann als so mancher Arzt. Oder eine Gruppe junger Erwachsener
("fonte de vida"), die im Geist des Heiligen Franziskus völlig arm
und nur von Spenden leben und versuchen, Kindern und Jugendlichen durch
Theater, Tanz, Musik und Kunst den Weg in ein besseres Leben zu zeigen. Oder die
brasilianischen Palottiner-Schwestern, die die verschiedenen relativ autonomen
Gruppen der Gemeinde koordinieren. Oder die Mitglieder einer
"politischen" Jugendgruppe, die versuchen, durch Diskussionen und
Theater ihr kritisches Bewusstsein zu schärfen. Oder auch die Menschen in
Alegria (einem "Interior"), die mit Hilfe der Land-Pastoral (Martin
und Tuinha kannten wir ja bereits aus Coroata) versuchen, gegen den Widerstand
des Großgrundbesitzers ein würdiges Leben in Einklang mit der Natur für die
dort lebenden 400 Familien zu erstreiten. Und bestimmt habe ich noch einige
vergessen.
Ihr seht, dass unser Kalender noch
prall gefüllt ist. In den nächsten Tagen stehen noch Auswertungen und
Verabschiedungen auf dem Programm. Und ich habe den Eindruck, dass alle das
gerne noch ein wenig hinauszögern würden. Aber der Rückflug steht fest und
lässt sich nicht um eine Woche nach hiinten verschieben wie bei Marita, von der
wir uns schon gestern morgen verabschiedet haben. Montag morgen fahren wir dann
von hier aus nach Barrerinhas in die Lencoes, ein Naturschutzgebiet, ca. 200 km
westlich von Sao Luis am Meer gelegen, mit Sanddünen und Süßwasserseen, und
dann am nächsten Donnerstag nach Sao Luis um von dort aus unseren Rückweg
anzutreten. Alles Weitere wahrscheinlich erst danach...
Ate logo!
Montag, 23. Juli 2012
Eigentlich
hätte ich es gleich erkennen können an dem routinierten Handgriff, mit dem die
zehnjährige Michaele die Jalousie der Werkstatt hochschob, dass sie nicht
einfach einem Monteur Bescheid geben würde, dass ein Fahrrad zu reparieren sei.
Aber dann brauchte ich doch etwas Zeitk, bs ich begriff, dass sie es selber
macht - und wie! Druckluftmaschine anstellen, Ventil (Marke: Auto!) fürs Pumpen
richtigstellen, Reifen mit dem Gerät aufpumpen, feststellen, dass er wieder
Luft verliert, das Loch "erhorchen", das Rad abmontieren, den Mantel
abhebeln, den Schlauch wieder flicken (und zwar mit einer bei uns unbekannten
Klebe-Masse und einer schwergängigen Presse), abwarten, dann Schlauch und
Mantel wieder anbringen und das Rad montieren, und zwar sowohl im richtigen
Abstand zum Rahmen als auch mit der richtigen Spannung der Kette - mit blieb
der Mund offen stehen. Da wir während des Wartens ein wenig Zeit hatten, weiß
ich nun, dass ihr Vater vor vier Jahren plötzlich gestorben ist und sie daher
in der Werkstatt mithilft, wenn sie nicht zur Schule muss, und sich daher so
gut auskennt. Sie ihrerseits konnte gar nicht verstehen, warum ich mich so
wundere und dass es in Deutschland nicht viele zehnjährige Mädchen gibt, die
das können. Normal kostet das Reparieren zwei Reais (weniger als ein Euro!) und
von mir wollte sie partout nichts nehmen, aber da ihre Werkstatt und schon ein
paar Mal für lau geholfen hatte und ich so begeistert war, habe ich das
natürlich nicht akzeptiert. Allein schon dieses Mädel kennen zu lernen, war es
wert!
Nachdem das gestrige vom CAC
ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über
die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo
ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was
mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische
Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das
erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick,
Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig",
ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne
Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des
Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch
Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer
dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die
Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und
dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in
die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in
Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch
einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich
weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen
Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht
vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die
zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem
gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war
alles andere ein Kinderspiel.
| auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt |
Das
nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso
zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine
beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort
"pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so
gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis
zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung
gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach
unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden,
die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder
Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß,
was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer
praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise
Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem
lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und
monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als
nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in
meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet.
Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen
- Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird.
Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man
glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder
verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in
die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele
andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und
ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach
der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen
lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem
Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen.
Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der
vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca
in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn
vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein
einziges Bier mit ihm....
Mein
letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so
wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen
zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet
wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf:
Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im
wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die
"tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-)
auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um
Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a
atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits
wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt:
wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den
Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist,
mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir
hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören
oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor
Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata
wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit
erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie
die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die
atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie
es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu
beschäftigen.
Samstag, 21. Juli 2012
Nicht vorenthalten moechte ich Euch auch einen Text von Shakespeare, den eine Theatergruppe uns bei unserem Besuch von Edelsons Uni in Codo vorgespielt hat. Der portugiesische Titel heisst "O Menestrel" (vielleicht kann ja jemand herausbekommen, wie die deutsche Version heisst), und der Text lautet uebersetzt so und passt doch wirklich hervorragend zu unserer Situation:
Nach einiger Zeit Begreifst du den
Unterschied, den feinen Unterschied zwischen dem Reichen einer Hand und dem
Fesseln einer Seele.
Und du begreifst, dass Lieben nicht
bedeutet, sich zu stützen, und Begleitung nicht Sicherheit.
Du beginnst zu begreifen, dass Küsse
keine Verträge sind und Geschenke keine Versprechen.
Du beginnst deine Niederlagen zu
akzeptieren mit erhobenem Kopf und dem Blick nach vorne, mit der Würde eines
Erwachsenen und nicht mit der Traurigkeit eines Kindes.
Du begreifst, alle deine Wege im
Heute zu errichten, weil das Gelände von Morgen zu unsicher ist zum Planen und
weil die Zukunft die Angewohnheit hat, ins Nichts zu stürzen.
Nach einiger Zeit begreifst du, dass
die Sonne dich verbrennt, wenn du dich ihr zu lange aussetzt. Und du begreifst,
dass es nichts ausmacht, wie bedeutend du bist, weil einige Menschen einfach
nicht bedeutend sind... Und du
akzeptierst, dass, egal wie gut ein Mensch ist, er dich manchmal verletzen wird
und du ihm das vergeben musst. Du begreifst, dass Reden emotionale Schmerzen
lindern kann.
Du entdeckst, dass es Jahre braucht
um Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören - und dass du in
einem kleinen Moment Sachen machen kannst, die du für den Rest deines Lebens
bereust.
Du begreifst, dass wahre
Freundschaften beständig wachsen - selbst über weite Entfernungen. Und dass es
nicht wichtig ist, was du hast im Leben, sondern wen du hast. Und dass gute
Freunde eine Familie sind, die uns erlaubt auszuwählen.
Du begreifst, dass wir nicht unsere
Freunde wechseln müssen, wenn wir verstehen, dass die Freunde wechseln...
Du begreifst, dass deine besten
Freunde und du jede Sache machen können - oder auch nichts - und ihr gute
Momente miteinander haben werdet.
Du entdeckst, dass die Menschen, die
dir am meisten bedeuten im Leben, sehr schnell von dir genommen werden
können...; deswegen müssen wir immer die Menschen, die wir lieben, mit
liebevollen Worten zurücklassen, denn es könnte das letzte Mal sein, dass wir
uns sehen.
Du begreifst, dass die Umstände und
die Umgebung Einfluss haben auf uns, aber wir sind selber verantwortlich für
sie.
Du beginnst zu begreifen, dass man
sich nie vergleichen darf mit den anderen, wohl aber mit dem besten, was man sein
könnte.
Du entdeckst, dass du viel Zeit
brauchst um die Person zu werden, die du sein möchtest, und dass die Zeit kurz
ist.
Du begreifst, dass nicht wichtig ist,
woher du kommst, aber wohin du gehst..., aber wenn du nicht weißt, wohin du
gehst, jeder Weg recht sein kann.
Du begreifst, dass entweder du deine
Handlungen steuerst oder sie dich... und dass flexibel zu sein nicht bedeutet
schwach zu sein oder keine Persönlichkeit zu haben, denn egal wie fein oder
zerbrechlich eine Situation ist, immer gibt es zwei Seiten.
Du begreifst, dass Helden die
Menschen sind, die tun, was notwendig ist und die den Konsequenzen ins Auge
blicken.
Du begreifst, dass Geduld viel Übung
braucht. Du entdeckst, dass manchmal der
Mensch, von dem du erwartest, dass erauf dich schießt, wenn du fällst, einer
von den wenigen ist, die dir helfen aufzustehen.
Du begreifst, dass Reife mehr zu tun
hat mit den Erfahrungen die du hast oder die du gesammelt hast als damit, wie
viele Geburtstage du gefeiert hast.
Du begreifst, dass du mehr von deinen
Eltern in dir hast als du angenommen hast.
Du begreifst, dass du niemals einem
Kind sagen darfst, dass seine Träume Blödsinn sind. Nur wenige Sachen sind so
erniedrigendwie dies, und es wäre eine Tragödie, wenn das Kind dir glauben würde. Du
begreifst, dass du, wenn du wütend bist, das Recht hast, wütend zu sein, aber nicht das Recht, grausam zu sein.
Du entdeckst, dass die Tatsache, dass
jemand dich nicht so liebt, wie du es gerne hättest, nicht bedeutet, dass
dieser Mensch dich nicht nach Kräften liebt, denn es gibt Menschen, die uns
lieben, aber einfach nicht wissen, wie sie das zeigen oder leben können. Du
begreifst auch, dass es manchmal nicht ausreicht, dass jemand einem vergibt...
manchmal musst du lernen dir selber zu vergeben.
Du begreifst, dass du mit der selben
Strenge, mit der du urteilst, einmal verurteilt werden wirst. Du begreifst,
dass es nicht entscheidend ist, in wie viele Stücke dein Herz geteilt worden
ist - die Welt bleibt nicht stehen, damit du es wieder zusammensetzen kannst.
Du begreifst, dass die Zeit nicht
etwas ist, das wieder zurückkommt. Daher pflanze deinen Garten und schmücke
deine Seele, und hoffe, dass irgendwann jemand ihr Blumen bringt.
Und du begreifst, dass du wirklich
etwas ertragen kannst, dass du wirklich stark bist und sehr viel länger gehen
kannst als du dachtest. Und dass wirklich das Leben wertvoll ist und du
wertvoll bist durch das Leben.
Unsere Zweifel sind Verräter und
sorgen dafür, dass wir das Gute verlieren, das wir erreichen könnten, wenn wir
nicht die Angst davor hätten, etwas zu versuchen.
(William Shakespeare)
Die
zwei Tage in der "Hauptstadt des Bistums", in Coroata, waren
so beeindruckend, dsss es mir schwerfällt, die vielen Eindrücke angemessen
wiederzugeben.
Beeindruckend die Sorgfalt, mit der
unser Besuch (unter anderem auch von Martinas Freundin Lindalva!) geplant war,
angefangen von den beiden Autos samt Fahrer, die uns immer pünktlich von einem
Ort zum nächsten brachten, über die extra für uns gekaufte neue Bettwäsche im
Bistumszentrum, wo wir übernachtet haben, bis hin zu den Menschen, die an allen
Besuchs-Orten bereits auf uns warteten und uns mit Freude empfingen. Ganz zu
schweigen natürlich von dem leckeren Essen und Trinken, das uns überall
serviert wurde.
Beeindruckend (und bedrückend!) das Leid, das uns an so vielen
Stellen berichtet wurde, sei es im zeitweise für deutsche Ärzte genutzten
Notkrankenhaus des Bistums das Leid der Kranken, die in Scharen aus bis zu 1000
km angereist kommen, weil sie von den hiesigen Ärzten weder medizinisch noch
menschlich würdig "behandelt" werden, sei es das Leid der
Ex-Drogenabhängigen in den "Fazendas de Esperanza", das ihnen angetan
wurde (wir haben 12- und 13jährige gesehen, denen die Drogen von älteren
"Freunden" verabreicht wurden!) und das sich selber und anderen
angetan haben, sei es das Leid der Landarbeiter, die aus ihren Dörfern
vertrieben werden, weil jemand sich das Landrecht unter den Nagel gerissen hat
und das Land zu Spekulationszwecken oder zur Viehzucht von Palmen und Menschen
"säubern" möchte.
Beeindruckend aber auch die Menschen,
die sich für das Leben und die Würde dieser leidenden Menschen einsetzen:
Tuinha und Martin bei der Landpastoral, Pater Luis auf den Fazendas, Schwester
Veronika im Krankenhaus - und die vielen anderen, die mit ihnen haupt- oder
ehrenamtlich dem unermesslich scheinenden Leid ihr Engagement, ihren
Widerstand, ihre Liebe und auch ihre gläubige Zuversicht entgegensetzen.
Sehr gefreut haben wir uns über die
Rückmeldung eines Ex-Drogenabhängigen, dass er unser CAC-Projekt auch als eine
Art Prävention gegen eine Suchtkarriere der Kinder sieht und wichtig findet.
Und besonders gefreut haben wir uns
auch über den Bischof, der zwei Mal extra zu uns ins Zentrum kam, um sich zu
erkundigen, wie es uns geht, und der uns dann noch in sein Haus zum Mittagessen
einlud, bei dem er selber uns bei Tisch bediente und verwöhnte. Beim
anschließenden Gespräch, für das er sich richtig viel Zeit nahm, erkundigte er
sich ausführlich über unsere Erfahrungen, unser Projekt und unser
Jugendaustausch und erzählte auch von
sich und seiner nicht immer leichten Arbeit. In einer Nebenbemerkung ließ er
durchblicken, dass es ihm nicht zuletzt deswegen ein besonderes Anliegen
gewesen sei, uns einzuladen (Eleana erzählte, dass er uns ursprünglich eine
Woche nach Coroata hatte einladen wollen!), weil ihm das Treffen in Münster so
gefallen habe und weil er gewusst habe, dass der Pfarrer hier in Timbiras sich
nicht um uns und das Projekt kümmern werde und er das ein wenig habe
ausgleichen wollen. Danke, Dom Sebastiao!
Schon
bei meinem letzten Besuch in Timbiras (2006) war es ein Evangelium in der
Sonntagsmesse, das durch den besonderen Ort für mich eine ganz neue Dimension
bekam: damals war es so, dass ich auf der Hinfahrt nach Timbiras total
beeindruckt davon war, dass auch an diesen doch so entlegenen Ort auf
irgendeine Art und Weise der Glaube an Jesus Christus gelangt war (übrigens:
ca. 1900 durch Kapuzinermönche!). Und dann wurde am Sonntag in der Kirche die
Bitte Jesu an seine Jünger vorgelesen, dass sie in die ganze Welt hinausgehen
sollen um allen Menschen die Gute Nachricht zu bringen....
Dieses
Mal war es das Evangelium von der Aussendung der Jünger, das ja auch für
Franziskus so wichtig geworden ist:
-
immer zu zweit zu gehen: das könnte man auch auf die Partnerschaft von zwei
Gemeinden beziehen, die sich gegenseitig in praktischen Dingen, aber auch dabei
unterstützen können, wichtige Fragen von verschiedenen Seiten aus zu betrachen
und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen
-
nichts mit auf den Weg zu nehmen: auf Schritt und Tritt merken wir hier, wie
wichtig, aber auch wie schwierig es ist, unser "Gepäck" (als
Deutsche, als Mann / Frau, als jedeR einzelne) beiseite zu lassen, um wirklich
offen zu sein für das, was die gegenwärtige Situation erfordert
-
sich in ein Haus aufnehmen zu lassen und dort zu bleiben: auch diese
Lebensweise der Jünger wird mit dem Hintergrund unseres Austausches viel
plastischer
-
Ungeist auszutreiben und Kranke zu heilen: wir begegnen hier schon manchem, was
uns als Ungeist erscheint und sprechen viel darüber, wie es uns damit geht. Vom
Austreiben sind wir weit entfernt, aber Franklin sagte neulich, er habe den
Eindruck, dass im CAC eine "andere Sprache" gesprochen wird:
aufmerksam und respektvoll. Und um Kranke zu heilen haben wir ja Marita hier,
die wirklich unermüdlich ihre Hausbesuche macht und schon so manches Leid
gemildert hat...
Ein "poetisches Stilleben" aus Carlas Tagebuch:
...
Gerade haben wir zu abend gegessen,
mein Gastbruder sitzt nun auf der Couch und spielt mit einem alten Gameboy, die
Tuer steht offen und ich habe mich nach draussen vor die Haustuer gesetzt.
Ganz nach einheimischer Art sitzt
hier nun und guck auf die Strasse. Dass ich dabei schreibe ist eigentlich schon
zu viel Bewegung bei dieser Taetigkeit...
Ich versuche mal kurz die Kulisse zu
beschreiben, denn dieses vor der Haustuer sitzen und nix tun ist ein ganz
typischer Anblick wenn man abends durch die Strassen schlendert.
Der Boden unter meinen Fuessen ist
noch warm, mit T-Shirt und kurzer Hose ist es weder zu kalt noch zu warm. Es
weht ein ganz laues Lueftchen, die Strassenlaterne beleuchten Orangegelb die
mit dem groben Kies versehene Strasse. Ein paar Meter weiter hoert man
froehliche Forro-Musik, die Grillen zirpen laut. Auf der Strasse faehrt langsam
ein Auto mit herabgelassenem Fenster und Musik vorbei. Das Knattern und kurze
Hupen eines Motos kommt hinzu. Hupen tut man hier irgendwie immer. Zur Warnung,
zur Begruessung von Freunden auf der Strasse, um jemandem hinterherzupfeifen
oder weil man gerade einfach Lust dazu hat. Aber das Hupen hoert sich hier
freundlicher an, weil jeder nur fuer eine Millisekunde auf die Hupe haut.
Still ist es hier eigentlich nie,
wenn kein Auto mit Boxen auf dem Dach durch die Strasse faehrt, dann kraeht ein
Hahn oder man hoert die Gespraeche der
anderen Menschn (die Betonung liegt auf hoeren nicht auf verstehen).
Vor mir geht ein junges Maedchen mit
gekonntem Hueftschwung und einer gruenen Plastiktuete in der Hand vorbei. Sie
steigt mit einem grossen Schritt ueber die Pfuetze in der Mitte der Strasse,
woher das Wasser auf den Strassen kommt, weiss man oft nicht so genau, und
bevor man durch das Waschwasser anderer Leute watet, steigt man doch lieber
drueber. In der Pfuetze schwimmt eine einsame weisse Plastiktuete, am
gegenueberliegenden Strassenrand liegen Plastikbecher und alte Verpackungen
zwischen den Baeumen. Es gibt in meiner Strasse nur auf einer Seite einen
Buergersteig, der Bordstein fehlt teilweise und ist verblasst und grau. 5 m.
weiter sitzt ein Mann wie ich vor dem Haus, er kaut auf einem Zahnstocher und
hat die Beine hochgelegt. Eine kleine unterernaehrte Katze schleicht im
Schatten der Baeume vorbei in denen tagsueber Urubus sitzen. Zwischdurch hoere
ich das Bellen eines Streuners, das Klappern des Bestecks das gerade in der
Kueche gespuelt wird und das Piepsen des Gameboys. Staendig muss ich nach den Muecken
schlagen, die jede Sekunde nutzen um einen bis zur Unendlichkeit zu zerstechen.
Es sind mittlerweile locker an die 50 Stiche, da nuetzt Autan auch nur
begrenzt....
Das was ich sehe wenn ich einfach auf
die Strasse schaue ist schmutzig und verblasst, aber trotzdem laut, bunt und
irgendwie friedlich. Ich denke hier werden einfach unglaublich viele
Gegensaetze vereint und das sieht man auch in allen Bewegungen des Alltags.
Waehrend ich hier ganz ruhig sitze, schiessen mir unendlich viele Gedanken und Eindruecke
durch den Kopf,ein Gedankenkarusell dessen Geschwindigkeit man mir von aussen
mit Sicherheit nicht ansieht.
Wenn man hier so sitzt, scheint die
Zeit an Bedeutung zu verlieren und ich bin einfach gluecklich und zufrieden
hier zu sein. Und trotzdem bin ich mir der Gegensatze auch in diesem Moment
bewusst, ich weiss waehrend ich hier sitze passieren vielleicht nur ein paar
Strassen weiter schreckliche Dinge, in denen Menschen Bedrohungen ausgesetzt
sind an die ich nicht mal denken will.
Aber bei mir in diesem Moment ist
alles gut und die Welt in Ordnung.
So langsam verstehe ich warum die
Menschen hier abends stundenlang einfach vor der Haustuer sitzen ;)
...
Heute
möchte ich ein wenig das Projekt unseres Jugendaustasuches beschreiben, nämlich
die Renovierung des CAC-Hauses und der Spielplatz auf dem Gelände.
In
der letzten Woche hat das Streichen der Wände des Hauses - von innen und von
außen - den Hauptteil unserer Arbeit hier ausgemacht. Unsere Freunde hier
hatten alles gut vorbereitet und Geld sowie Sachspenden (Farben, Utensilien
etc.) gesammelt, so dass wir relativ zügig beginnen konnten. Dass dabei immer
mehr Zeit als geplant draufgeht für die vorbereitenden Arbeiten wie Freiräumen,
Säubern und Abkleben, wäre in Deutschland nicht viel anders. Außer dass man
"dort" bestimmt nicht so oft einen großen Gecko findet, der sich dort
häuslich eingerichtet hat und es gar nicht so schön findet, dass er (bestimmt
nur vorübergehend!) eine neue Bleibe suchen muss. Das Besondere an unserer
Arbeit war, dass wir die Kinder, die zu den CAC-Gruppen kommen, mit einbezogen
haben, und zwar nicht nur als Beschäftigungs-Therapie oder als
Arbeits-Erleichterung (das Gegenteil war der Fall!), sondern damit sie durch
ihre eigene Arbeit ihr Haus mehr schätzen lernen, und auch deswegen, weil das
Streichen für sie eine hervorragende (psycho-)motorische Übung war.
Das
ganze lief also so ab, dass immer ein "streichkundiger" Brasilianer
und Deutscher sich das "technische" Vorgehen überlegt haben und eine
Förderkraft des Hauses zusammen mit Eleana oder Martina die pädagogische
Umsetzung besprochen haben, zum Beispiel, wie die Kinder mitarbeiten können und
welcher Erwachsene mit welchem Kind zusammenarbeitet. Und dieses Miteinander -
von der kleinsten Ecke bis zur Fläche direkt am höchsten Giebel - hat allen
Beteiligten sehr viel Spaß gemacht.
Neu für uns war, dass weiße Flächen hier
meist nur gekälkt werden, was in Deutschland ja heutzutage weniger praktiziert
wird. Auch die anschließende Säuberung
mit zentimetertiefem Wasser, das per Schrubber wieder zu den Türen
herausbefördert wird, ist ein echtes Erlebnis.
In
dieser Woche stand nun der Spielplatz auf dem Programm. Auch hier waren unsere
Partner gut vorbereitet: es waren zwei Fachkräfte angeheuert worden, die die
Hölzer für die Gestelle bereits vorbereitet hatten und Montag damit begannen,
die Löcher zu graben und die Einzelteile zu bearbeiten, aufzurichten und zu
verbinden. Der Spielplatz besteht aus einem niedrigeren Gestell mit zwei
Schaukeln und einem etwas höheren und größeren mit zwei Schaukeln und einer
Plattform, auf die eine Leiter und eine Seil-Konstruktion hinauf- und von der
eine Rutsche (aus Holz) herunterführt.
Hier
konnten wir nur sehr wenig mitarbeiten, zum einen aus Sicherheitsgründen, zum
anderen, weil einfach nicht mehr als zwei bis drei Leute dort benötigt wurden.
Unser Part war statt dessen die Vorbereitung eines Sandkastens (2 x 2 Meter).
Hier liefen - ganz klischeemäßig - die Mädels beim Färben von Sand und zum
Befüllen der Plastikflaschen, die als Umrandung dienen sollen und die Jungs
beim Ausheben des Bodens zu wahrer Höchstform auf. Das Arbeiten in der Sonne
steigerte unseren Respekt vor den beiden "Profis", die zwei Tage lang
nur mit einer kurzen Mittagspause ihre schwere Arbeit in der prallen Sonne
verrichteten. Was nun noch zu tun bleibt, ist das Streichen der Geräte, das
Fertigstellen des Sandkastens und das Verteilen des restlichen und schon angelieferten
Sandes auf dem Spielplatzgelände.
Gestern
abend haben wir dann aus Anlass des "Bergfestes", als Dankeschön und
zum Begutachten der ersten Arbeitsschritte unsere Gastfamilien ins Vereinshaus
eingeladen und ihnen unsere "multimediale" Präsentation über Deutschland
(Informationen, Tanz, Musik, Essen, das typische deutsche Spiel Plumpsack
musste leider ausfallen, weil es schon spät war und die Brasilianer es ohnehin
auch kennen....). Dabei wurden die Spielgeräte bereits von den Kindern
begeistert in Anspruch genommen, was uns natürlich total gefreut hat.
Heute, der 17.07.2012, ist Bergfest
unserer Reise. Dies haben wir zum Anlass genommen ein Interview zu führen, in
dem wir uns gegenseitig Fragen zu unserem Befinden, unseren Eindrücken und
Erfahrungen gestellt haben. Viel spaß beim lesen:
1. Frage: Wenn du schätzen müsstest seit wie vielen Tagen wir jetzt in
Timbiras sind?
Antwort: Gefühlt seit ungefähr 30 Tagen. Das liegt daran, dass ich
inzwischen meinen Alltag gefunden habe und wir arbeitsmäßig schon so viel
geschafft haben. Außerdem ist das leben hier auch sehr anstrengend!
2. Frage: Würdest du deine Gastfamilie eher als "eine" oder
als "deine" Familie bezeichnen?
Antwort: Es ist inzwischen doch schon eine gute Beziehung entstanden,
sodass ich doch sagen kann dass es "meine" Familie ist!
3. Frage: Wie hoch schätzt du die Temperatur in Timbiras tagsüber?
Antwort: Joa, so min. 45ºC!
4. Frage: Wann und wo geht hier die Sonne auf?
5. Frage: Wie viele Mückenstiche hattest / hast du schon?
Antwort: Pro Gliedmaß (Arme und Beine) so ca. 90. Also insgesammt min.
360 Stück!
6. Frage: Wie oft hast du schon essen verweigert und warum?
Antwort: Oft wollen wie mir noch mehr geben obwohl ich wirklich satt
bin. Eine Melone war glaube ich faul, die wollte ich dann auch nicht so gerne
essen. Aber ich habe schon sehr viel probiert, z.B. Hühnerfüße!
7. Frage: Wie viele unbekannte Tiere sind dir bislang begegnet?
Antwort: Viele Insekten, so strange Gebilde, die ich bislang noch nie
gesehen habe. Dann sind da natürlich die Urubus und die Hunde und Katzen hier
sehen doch sehr anders aus als bei uns!
8. Frage: Wie viel Portugisisch verstehst du? (in %)
Antwort: Also wenn sich dir Brasilianer untereinander unterhalten dann
so ca. 0-5%
Wenn
die Brasilianer mir etwas sagen wollen und langsam sprechen, dann so ca. 30-40%
9. Frage: Nerven dich die Lautsprecherautos?
Antwort: Nö, ich find die richtig cool!
10. Frage: Wie viele Stunden am Tag läuft in deiner Familie der Fehrnseher?
Antwort: Geschätzt so ca. 27 Stunden!
11.Frage: Wie oft hast du dich schon in Timbiras verlaufen?
Antwort: In den 2 Wochen ungefähr 3 mal. Aber einmal richtig, was eine
40 minütige Verspätung zur Follge hatte!
12. Frage: Wie viele "Haustiere" habt ihr in deiner Familie schon
gegessen?
Antwort: 1 Huhn!
13. Frage: Würdest
du behaupten schon einiges in sachen Hüftschwung gelernt zu haben?
Antwort: Der Hüftschwung geht schon gut ab! Die
Varietät hat schon stark zugenommen!
14.
Frage: Wie viele Stunden schläfst du
am Tag?
Antwort: Bestimmt 10 Stunden!
15.Frage: Hast du vom Gewicht eher zu- oder
abgenommen?
Antwort: (Die Gruppe ist sich einig) Zugenommen!
16. Frage: Wie
viele Stunden am Tag verbringst du wirklich in der Sonne?
Antwort: 1 bis 2 Stunden!
17.
Frage: Was beunruhigt dich am meisten?
Antwort: Das ich immer Freundlich zu allen sein
muss. Außerdem beunruhigen mich die betrunkenen Motoradfahrer.
18.
Frage: Was hat dir bisher am besten
gefallen?
Antwort: Im Interior schlaen war hammer!
19.
Frage: Was mochtest du am meisten
(Essen)?
Antwort: Abacaxi-Saft und Beaf-Rippchen!
20.
Frage: Was mochtest du gar nicht
(Essen)?
Antwort: Gematschtes Huhn und das Getränk Jesus!
21.
Frage: Was stört dich sehr?
Antwort: Dass das einfache Leben so ansträngend
ist!
22.
Frage: Was könnte dich stöhren, tut es
aber nicht?
Antwort: Ich habe hier kein Handy und auch kein
Internet. Das ist mir aber super egal!
23.
Frage: Was ist dir hier am meisten
egal?
Antwort: Pünktlichkeit, Ordnung,... die deutschen
Prinzipien halt. Ja, und was morgen ist, ist mir eigentlich auch immer egal!
24. Frage: Was
vermisst du?
Antwort: Meinen täglichen schwarzen Kaffe,
Familie, Privatsphäre und nen guten Krimi
25.
Frage: Was hat dich am meisten
überrascht?
Antwort: Das die zu 6 auf einem Motorad fahren,
das Schweine, Pferde, Ziegen und Küe auf der Straße chillen, wenn morgens kein
Tier um Bad ist!
26.
Frage: Schmeckt die Cola genau so wie
in Deutschland?
Antwort: Ja, aber die Fanta ist leckerer!
27.
Frage: Was war dein längstes am Stück
in der Sonne chillen?
Antwort: Damals in Sao Luis so ca. 2 Stunden!
28.
Frage: Wie viel schwitzt du am Tag?
Antwort: 3 T-Shirts am Tag und eins in der Nacht!
29.
Frage: Wie oft kommst du zu spät zu
einem Treffen?
Antwort: 80% (Lea)
30.
Frage: Wie viele verschiedene Säfte
hast du schon getrunken?
Antwort: Jeden Tag einen neuen. So ca. 20 bislang!
31.
Frage: Hast du dein persönliches Ziel
für diese Reise schon gefunden / erfüllt?
Antwort: Ja, bislang klappt es gut!
32.
Frage: Welche Regel stört dich am
meisten?
Antwort: Ich würde gerne im Fluss schwimmen!
33.
Frage: Willst du diese Regel noch
brechen?
Antwort: Ja, eigentlich schon gerne. Aber nur mit
dem rest der Gruppe!
Bei
Fragen sind wir erreichbar unter:
Tel.:
schwierig
Internet:
schwierig
Adresse:
Kenne ich nicht
Worum geht es eigentlich
bei unserem Projekt?
Eine
wichtige Weichenstellung für die aktuelle Arbeit der associacao arco-iris in
Timbiras erfolgte im letzten Jahr. Hatte es bislang verschiedene kleinere
Projekte und Ansätze gegeben wie den Ankauf eines Hauses, die Errichtung einer
Werkstatt zur Fliesenkleber-Produktion und Nachhilfe-Gruppen in den einzelnen
Bairros (Stadtteilen), so liefen gleichzeitig
mehrere Entwicklungen in einem Punkt zusammen:
-
das Fliesenkleber-Projekt wurde aufgegeben, das Haus war also frei
-
das ehemalige "Vereinshaus", das sich ohnehin als etwas ungünstig für
die Arbeit herausgestellt hatte, konnte günstig verkauft werden, es war also
ein größerer Betrag für die Arbeit verfügbar
- die bisherige Form der Nachhilfe in den
einzelnen Bairros konnte wegen des Weggangs von Schwester Elsa in eine neue
Form gebracht werden
- Martina war gerade vor Ort und konnte
bei der Neukonzeptionierung mtihelfen.
Schon länger bestand der Wunsch, statt der
bisherigen dezetralen Nachhilfe eine Förderung von lernschwachen Kindern und
Kinder mit Behinderungen (in Brasilien "criancas especiais" genannt!)
an einem Ort durchzuführen. Dies alles war nun möglich, und so wurde das
ehemalige Fliesenkleber-Haus den neuen Bedürfnissen als Zentrum unseres
Projekts umgestaltet und fünf Personen als Honorarkräfte für die Arbeit mit den
Kindern eingestellt und von Martina und Joisania auf ihre neue Arbeit
vorbereitet.
Das
Haus erhielt den Namen "CAC" (gesprochen kaki): Centro de Atencao a
Crianca - Zentrum der Aufmerksamkeit für das Kind. Inzwischen
hat sich das CAC bereits einen guten Ruf in Timbiras erworben und ist zum
Hauptprojekt für die hiesige arco-iris-Vereinigung geworden.
Wie kann man sich das CAC-Haus genauer
vorstellen?
1. Räumlich:
Das Haus hat einen Eingangsbereich, sodann
einen großen "Saal", in dem sich 20 bis 30 Personen aufhalten können,
und in dem sich auch ein kleiner Küchenbereich befindet, der durch eine
"Bar" abgeteilt ist. Außerdem hat es einen kleineren Gruppenraum für
etwa 10 Personen und eine Toilette mit Dusche. Drumherum befindet sich ein
Außengelände mit Sandboden, das zum
Spielen und Feiern genutzt wird, und in dem wir während unseres Aufenthaltes
einen Spielplatz ("parce", gesprochen parki) errichten möchten.
(Hier der Lageplan des Hauses mit dem Garten und den Spielgeraeten.)
2. Zeitlich:
In diesem Haus finden jede Woche
verschiedene Angebote statt:
montags dienstags mittwochs donnerstags freitags samstags
7 - 9 Förder
1 Förder 1 Förder 1 Malen (Joao)
9 - 10 Jugend Jugend Jugend Jugend Theater (Raimundinha)
14 - 16 Förder
2 Förder 2 Förder 2
15 - 17 Förder 3 Förder
3
16 - 18 Förder
3
18.30 Alfabetis. Alfabetis. Alfabetis. Alfabetisierung
- 20.30
3. Inhaltlich:
Die Fördergruppen sind der Kern der Arbeit. In jeder der drei Gruppen
sind etwa zehn Kinder mit jeweils zwei Förderkräften. Das Wichtigste, was die
Kinder hier geschenkt bekommen, ist, wie der Name des Hauses sehr schön
andeutet, Aufmerksamkeit für ihre ganz individuelle Situation und Hilfe, um
ihre Lernschwierigkeiten zu überwinden. Dabei sind auch die vielen
Lernmaterialien, die in den Sc hulen fehlen, von Bedeutung. Bei jedem Treffen
erhalten die Kinder eine kleine Zwischenmahlzeit, bestehend aus einem
Fruchtsaft und Keksen.
Die Fördergruppe 3 besteht überwiegend aus Kindern mit Behinderungen und
ist daher etwas kleiner.
Daneben gibt es Angebote für Kinder, die von den hiesigen
arco-ris-Mitgliedern ehrenamtlich angeboten werden (was hier viel
ungewöhnlicher ist als bei uns!). An der Malgruppe von Joao nehmen rund zehn
Kinder - überwiegend Jungen - teil, an der Theatergruppe von Raimundina
ebenfalls etwa zehn Kinder. Andere Angebote finden unregelmäßig statt, z.B.
Capoeira.
| Joao hilft Kindern, "ihre Zukunft zu malen" |
Ferner gibt es zwei "externe" Organisationen, die für ihre
Veranstaltungen das CAC-Haus nutzen:
Die örtliche Schule MEDICI mit einem Angebot im Rahmen des staatlichen
"mais educacao"-Projekts; im Gegenzug dafür unterstützt sie arco-iris
bei den Zwischenmahlzeiten und hat als Verantwortliche für ihre Arbeit zwei von
arco-iris vorgeschlagene Kräfte eingestellt.
Und das staatliche Programm "Brasil Alfabetizado", das jeden
Abend drei Gruppen von je 15 Personen in den Räumen des CAC-Hauses versammelt,
die dort mit je einer Lerhkraft in einem immer acht Monate dauernden Kurs
Lesaen, Schreiben und die Grundbegriffe der Mathematik lernen. In diesen Kursen
sind auch viele Eltern der CAC-Kinder eingeschrieben, die nicht nur für sich
selber Lesen und Schreiben lernen möchten, sondern auch, um ihren Kindern
besser helfen zu können.
4. Personell:
Als Koordinatorin arbeitet Joisania, als Förderkräfte Rosana, Carmen,
Claudia, Celia und Mariazinha. Für "mais educacao" angestellt sind
Gilda und Glauciane. Unverzichtbar ist aber auch die Mithilfe der ehrenamtlich
tätigen und natürlich der Eltern, insbesondere der Mütter, aber auch einiger
Väter. Ohne sie könnten viele anfallende Arbeiten nicht erledigt werden und
könnten die Kinder oft nicht an den Gruppen und Angeboten teilnehmen.
5. Finanziell:
Bis Anfang des Jahres 2012 reichte das Geld aus dem Verkauf des alten
Vereinshauses. Für die Jahre 2012 bis 2015 wurde ein Antrag gestellt bei
Adveniat und beim Kindermissionswerk, der gute Chancen hat. Bis er bewilligt
ist, werden die laufenden Kosten von dem Geld bezahlt, das wir (lt..
Förderpraxis der Hilfswerke) als Eigenanteil einbringen müssen und können. Ab
2015 wird das Projekt dann seine Kosten mehr und mehr durch Gelder aus
Brasilien bestreiten müssen. Sie zu beantragen und erhalten wird ein wichtiger
Bestandteil der Arbeit in den nächsten Jahren werden.
Sonntag, 15. Juli 2012
Nachmittags
haben wir eine Gruppe im Projekthaus besucht. Es hat sehr viel Spaß gemacht mit
den Kindern zu arbeiten und zu spielen. Eleana hat ein wenig von der Geschichte
der Kinder gesprochen. Einige sind "normal", andere "behindert".
Wobei viele nicht genau wissen, was die Kinder haben. Zum Beispiel die Schwestern von Franklin. Eleana hat sie ins Projekt geholt. Als sie sie das erste Mal gesehen hat, hat Franklins Schwester im Garten bei den Hühnern gesessen und sich auch so verhalten. Der Arzt hat auch gesagt: "Die kann nichts", undihr Tabletten gegen Epilepsie verschrieben. Eleana sagt, sie habe im Projekt unglaubliche Fortschritte gemacht. Die Ärzte wissen oft selber nicht Bescheid. An diesem Beispiel kann ich kurz schildern wo ich sehe, Fehler gemacht zu haben. Diese Kinder müssen sich wie Tiere fühlen. Und die Mitmenschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und auch das Verstädnis ist ein ganz anderes als wir es in Deutschlandhaben. Ich glaube, dass wir durch unserHandeln vielleicht ein kleines bisschen daran ändern können. Zum Beispiel hätte ich heute (wir sind in dem Haus von Franklins Mutter gewesen, wo dieses Hühnermädchen lebt) richtig auf sie zugehen können und mit ihr reden, sie anlachen undihr zeige, dass ich sie vertschätze. Aber sie saß ganz hinten im Garten (bei den Hühnern), und als ichsie entdeckt hatte und geschnallt hatte, dass sie das ist, mussten wir auch schon wieder fahren. Aber das sind Momente, die wirklich wichtig sind und in denen wir uns Zeit nehmen müssen.
Wobei viele nicht genau wissen, was die Kinder haben. Zum Beispiel die Schwestern von Franklin. Eleana hat sie ins Projekt geholt. Als sie sie das erste Mal gesehen hat, hat Franklins Schwester im Garten bei den Hühnern gesessen und sich auch so verhalten. Der Arzt hat auch gesagt: "Die kann nichts", undihr Tabletten gegen Epilepsie verschrieben. Eleana sagt, sie habe im Projekt unglaubliche Fortschritte gemacht. Die Ärzte wissen oft selber nicht Bescheid. An diesem Beispiel kann ich kurz schildern wo ich sehe, Fehler gemacht zu haben. Diese Kinder müssen sich wie Tiere fühlen. Und die Mitmenschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und auch das Verstädnis ist ein ganz anderes als wir es in Deutschlandhaben. Ich glaube, dass wir durch unserHandeln vielleicht ein kleines bisschen daran ändern können. Zum Beispiel hätte ich heute (wir sind in dem Haus von Franklins Mutter gewesen, wo dieses Hühnermädchen lebt) richtig auf sie zugehen können und mit ihr reden, sie anlachen undihr zeige, dass ich sie vertschätze. Aber sie saß ganz hinten im Garten (bei den Hühnern), und als ichsie entdeckt hatte und geschnallt hatte, dass sie das ist, mussten wir auch schon wieder fahren. Aber das sind Momente, die wirklich wichtig sind und in denen wir uns Zeit nehmen müssen.
Am
Abend haben wir die Alfabetisierungsgruppe im Vereinshaus besucht. Die
Analfabeten, die daran teilnehmen, sind oft Eltern der Kinderim Projekt und
kommen zum einen, um ihren Kindern beim Lernen helfen zu können, und zum
anderen, weil sie selber (zumindest ihren Namen!) schreiben zu lernen und z.B.
nicht mehr mit dem Daumen unterschreiben zu müssen. Sie haben ein super
schwaches Selbstbewusstsein. Viele haben sich bei der Vorstellungsrunde nicht
getraut ihren Namen zu sagen. Aber in der brasiianischen Gesellschaft wird es
ihnen auch gezeigt und vermittelt, dass sie nichts wert sind.
Der Besuch bei der
"Gewerkschaft" der Frauen, die die Babacu-Nüsse ernten und
verarbeiten, erhielt plötzlich eine unerwartete Wendung. Anders als erwartet
wollten sie uns nämlich nicht zeigen,
wie ihr Projekt - die maschinelle Verbesserung ihrer Arbeit - funktionierte,
sondern erzählen, dass es nicht funktioniert hatte. Das Hilfswerk PLAN - so
erzählte die Vorsitzende - hätte ihnen Maschinen eines bestimmten Herstellers
aufgenötigt, der Probleme verursacht hätte, durch die sie jetzt nicht nur keine
Maschinen, sondern auch noch einen Haufen Schulden und eine Aufkündigung der
Zusammenarbeit durch die PLAN hätten. Erst so nach und nach stellte sich
heraus, dass wohl Maschinen geliefert worden waren (sie rosteten draußen vor
sich hin), aber die falschen, dass irgendeine unkundige und / oder
unberechtigte Person den Erhalt quittiert hatte, und dass niemand sich
zuständig und / oder imstande gefühlt hatte, diese Maschinen zu reklamieren
oder zurückzuschicken..
Dahinter steckten noch andere
Streitigkeiten zwischen verschiedenen Babacu-Frauen-Zusammenschlüssen und
zwischen den reicheren und ärmeren Mitgliedern der Gruppe aus Timbiras. Warum
sie uns das erzählten? Weil sie auf Hilfe aus Deutschland hofften. Die konnten
wir natürlich nicht versprechen. auch keine rechtliche Hilfe - mit der taten
sich anscheinend selbst schon die einheimischen Rechtsanwälte schwer!
Das ganze war nicht nur sehr schwer
zu verstehen (arme Eleana!), sondern
auch sehr langatmig und redundant dargeboten. Aber trotzdem ein interessantes
Lehrstück für die Kompliziertheit der Hilfebeziehungen zwischen den oftmals so
verschiedenen Welten und Mentalitäten...
Lange
Zeit habe ich mit Brasilien nicht nur Sonne, Stand und Samba verbunden, sondern
auch das "tudo vale", das "alles ist möglich". Aber je
besser ich Timbiras und unsere Freunde hier kennen lerne, um so klarer wird
mir, dass das so nicht stimmt, zumindest nicht, wenn man nicht als Tourist,
sondern im Rahmen einer Partnerschaft und Freundschaft unterwegs ist. Ich merke
selber, an wie vielen Punkten es wichtig ist, sich anders zu verhalten als im
"normalen deutschen Alltag" und die Ratschläge unserer Freunde und
"Profis" zu beachten, weil man ansonsten sich selber oder den
Gastgebern Unannehmlichkeiten oder sogar Schäden bereiten könnte.
Nur
einige kleine Beispiele sollen das veranschaulichen.
Es
fängt an mit (allgegenwärtigen!) Kleinigkeiten, wie dem Trinken von Wasser -
und man muss hier viel Wasser trinken! Natürlich kommt nur gefiltertes oder
gekauftes Trinkwasser in Frage, nicht das aus dem Hahn, aber auch bei vielen
anderen Gelegenheiten muss man daran denken, wie etwa bei Obst und Gemüse (wie
gewaschen?), bei Eiswuerfeln oder beim Zähneputzen. Ein kleiner Moment der Unanchtsamkeit kann
schwerwiegende und - im wahrsten Sinne - überflüssige Folgen haben!
Ähnliches
"Umdenken" gilt für den Umgang mit Toilettenpapier: wenn man es
versehentlich statt in den bereitstehenden Mülleimer in die Toilette geworfen
hat, drohen reziproke Folgen (bezogen auf die des Genusses von ungefiltertem
Wasser) für das Kanalsystem und seinen Besitzer.
| Wasserfilter |
Eine
der größten Sorgen unserer Gastgeber ist unsere Sicherheit. Bei unseren letzten
Besuchen haben sie festgestellt, wie anstrengend es für sie war, Gefahren von
uns fernzuhalten, für die sie selber sehr sensibel sind, die wir aber oft
überhaupt nicht einschätzen oder wahrnehmen können. Gerade vor ein paar Tagen ist
es noch vorgekommen, dass Leuten aus Timbiras mit vorgehaltener Pistole ihre
Handys abenommen worden sind oder bei einem Bandenkampf ein Jugendlicher
erstochen worden ist. Es kann gut passieren, dass wir diese drohende Gewalt gar
nicht oder erst zu spät wahrnehmen. Daher ist es gut, im Zweifel lieber ein
wenig vorsichtiger zu sein, um nichts zu riskieren und die Nerven der Gastgeber
nicht zu sehr zu strapazieren. Das bedeutet vor allem, nach Einbruch der
Dunkelheit nicht ohne einheimische Begleitung unterwegs zu sein, bei manchen
Wegen auch nur mit dem Motorrad und Handy und Kamera nciht zu offensichtlich zu
benutzen. Das bedeutet auch, bestimmte Situationen (Ansprache von Fremdem,
Besuch bestimmter Orte) ganz zu meiden oder bei Festen nicht bis zum Ende zu
bleiben, weil es beim Aufbrechen oft zu Auseinandersetzungen oder Unfälllen
durch Betrunkene kommt. Gerade neulich noch ist eine Verwandte von Carlas Gastmutter durch einen betrunkenen Motorradfahrer nach einem Fest so schwer angefahren worden, dass sie einen offenen Unterschenkelbruch erlitten hat und in ein weit entferntes Krankenhaus gebracht werden musste (in Timbiras kann nicht operiert werden!)
Nach
außen hin erscheint dies vielleicht wie eine Bevormundung oder Einschränkung
unserer Freiheiten, aber uns allen ist klar, dass es letztlich dazu dient, dass
wir alle miteinander diese Tage und Wochen genießen können.....
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