Was mich (und eigentlich uns alle)
sehr erschreckt und bedrückt, ist das, was wir erst auf den zweiten Blick
sehen, weil unsere Freunde und Gastgeber es uns erklären.
Beim Rundgang durch das Stadtviertel,
in dem das Projekthaus liegt, spricht Martina mit einem netten zehnjöhrigen
Mädchen, das sie durch die Projektarbeit kennen gelernt hat. Die jüngeren
Geschwister scharen sich um sie, die Mutter hält sich im Hintergrund. Später
erfahren wir, dass das Mädchen nicht mehr zum Projekt kommt, weil ihre Mutter
der Prostitution nachgeht und sie sich um ihre Geschwister kümmern muss.
An unser Projekthaus grenzt ein
anderes Grundstück. Wir erfahren, dass dort ein Ort ist, an dem nachts
Kinderprostitution betrieben wird.
In einem anderen Haus trifft Martina
einen Vater, der uns stolz seine Kinder vorführt. Später erklärt sie uns, dass
dieser Vater das Kindergeld für seine eigenen Zwecke missbraucht und die Kinder
hungern. Und dass dieTochter, als Martina sie zur Seite genommen und sie
gefragt hat, wie es ihr wirklich geht, geantwortet hat: "Scheiße".
Eine andere Familie sitzt vor ihrem
winzigen teilweise offenen Lehmhaus. Die Brasiliianer, die uns begleiten,
zögern lange, ehe sie sich trauen zu fragen, ob wir uns das Haus anschauen
dürfen, in dem sie auf engstem Raum mit fünf Personen leben. Wir dürfen. Ein
kleines Kind, etwa drei Jahre alt - das Alter ist hier oft nur schwer zu
schätzen - steht bewegungslos in einer Ecke, den Kopf zu Boden, mit seinen
Fingernägeln beschäftigt. Ein Baby ist auf dem Arm der Großmutter, eine Flasche
Hochprozentiger unter ihrem Stuhl. Eine Parabolantenne ist schon da, gerade
wird ein Fernseher gebracht. Martina erzählt später, dass diese Familie im Hinterland gewohnt hat, aber
nicht in die Gruppe derjenigen aufgenommen wurde oder werden konnte, die
versuchen, das von ihnen bewohnte und bearbeitete Land zugesprochen zu
bekommen, und dass sie sich daher einen anderen Platz zum Leben suchen musste.
Direkt daneben ein großes, gut
gesichertes Haus mit einem riesigen Gelände herum. Es gehört einem wichtigen
Menschen, einem ehemaligen Politiker, der sich hier am Wochenende entspannt oder Partys gibt. Wir erfahren, dass bei den Bürgermeister-Wahlen
(die bald wieder anstehen) gerade kleinere, korruptere Orte wie Timbiras bei
denjenigen Kandidaten sehr beliebt sind, die sich von einer Wahl zum
Bürgermeister erhoffen, hier besonders leicht staatliche Gelder auf ihr eigenes
Konto umleiten zu können.
Noch ein Stück weiter ein Anwesen mit
Fischteich und nettem Häuschen, das uns als "Bar des Pfarrers"
vorgestellt wird. Wir erfahren, dass hier ein Freund des Pastors wohnt und eine
Bar betreibt, in der der Pastor gerne und ausgiebig einkehrt. Gerüchte?
Die Tatsache, dass auch engagierte Gemeindemitglieder nicht dementieren,
spricht in einer Gegend wie dieser hier nicht für den Pastor. ...
Und dann noch die Bar, die laut
Schild "für Personen unter 16 Jahren verboten" ist. Wie wir erfahren,
ein Drogenumschlagplatz. An das Verbot hält sich niemand. Die Einhaltung kontrolliert niemand. Die Kontrolle fordert niemand ein....
Wo sollte man auch anfangen?
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