Freitag, 13. Juli 2012


Was mich (und eigentlich uns alle) sehr erschreckt und bedrückt, ist das, was wir erst auf den zweiten Blick sehen, weil unsere Freunde und Gastgeber es uns erklären.
Beim Rundgang durch das Stadtviertel, in dem das Projekthaus liegt, spricht Martina mit einem netten zehnjöhrigen Mädchen, das sie durch die Projektarbeit kennen gelernt hat. Die jüngeren Geschwister scharen sich um sie, die Mutter hält sich im Hintergrund. Später erfahren wir, dass das Mädchen nicht mehr zum Projekt kommt, weil ihre Mutter der Prostitution nachgeht und sie sich um ihre Geschwister kümmern muss.
An unser Projekthaus grenzt ein anderes Grundstück. Wir erfahren, dass dort ein Ort ist, an dem nachts Kinderprostitution betrieben wird.
In einem anderen Haus trifft Martina einen Vater, der uns stolz seine Kinder vorführt. Später erklärt sie uns, dass dieser Vater das Kindergeld für seine eigenen Zwecke missbraucht und die Kinder hungern. Und dass dieTochter, als Martina sie zur Seite genommen und sie gefragt hat, wie es ihr wirklich geht, geantwortet hat: "Scheiße".

Eine andere Familie sitzt vor ihrem winzigen teilweise offenen Lehmhaus. Die Brasiliianer, die uns begleiten, zögern lange, ehe sie sich trauen zu fragen, ob wir uns das Haus anschauen dürfen, in dem sie auf engstem Raum mit fünf Personen leben. Wir dürfen. Ein kleines Kind, etwa drei Jahre alt - das Alter ist hier oft nur schwer zu schätzen - steht bewegungslos in einer Ecke, den Kopf zu Boden, mit seinen Fingernägeln beschäftigt. Ein Baby ist auf dem Arm der Großmutter, eine Flasche Hochprozentiger unter ihrem Stuhl. Eine Parabolantenne ist schon da, gerade wird ein Fernseher gebracht. Martina erzählt später, dass  diese Familie im Hinterland gewohnt hat, aber nicht in die Gruppe derjenigen aufgenommen wurde oder werden konnte, die versuchen, das von ihnen bewohnte und bearbeitete Land zugesprochen zu bekommen, und dass sie sich daher einen anderen Platz zum Leben suchen musste.
Direkt daneben ein großes, gut gesichertes Haus mit einem riesigen Gelände herum. Es gehört einem wichtigen Menschen, einem ehemaligen Politiker, der sich hier am Wochenende entspannt oder Partys gibt. Wir erfahren, dass bei den Bürgermeister-Wahlen (die bald wieder anstehen) gerade kleinere, korruptere Orte wie Timbiras bei denjenigen Kandidaten sehr beliebt sind, die sich von einer Wahl zum Bürgermeister erhoffen, hier besonders leicht staatliche Gelder auf ihr eigenes Konto umleiten zu können.
Noch ein Stück weiter ein Anwesen mit Fischteich und nettem Häuschen, das uns als "Bar des Pfarrers" vorgestellt wird. Wir erfahren, dass hier ein Freund des Pastors wohnt und eine Bar betreibt, in der der Pastor gerne und ausgiebig einkehrt. Gerüchte? Die Tatsache, dass auch engagierte Gemeindemitglieder nicht dementieren, spricht in einer Gegend wie dieser hier nicht für den Pastor. ...
Und dann noch die Bar, die laut Schild "für Personen unter 16 Jahren verboten" ist. Wie wir erfahren, ein Drogenumschlagplatz. An das Verbot hält sich niemand. Die Einhaltung kontrolliert niemand. Die Kontrolle fordert niemand ein....
Wo sollte man auch anfangen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen