Samstag, 28. Juli 2012


Wer hat an der Uhr gedreht....?
Kaum zu glauben, dass unsere letzte Woche in Timbiras sich schon fast dem Ende zuneigt. Sie stand und steht unter dem Motto "Was wir unbedingt noch tun möchten...", und das ist so viel, dass ich nur einiges andeuten kann.
Natürlich war es uns besonders wichtig unser Projekt zu beenden, was wir auch mit HIlfe unserer Freunde geschafft haben. Haus und Spielgeräte sind nun fertig gestrichen, der Sandkasten mit den bunten Flaschen umrandet und mit Sand gefüllt, der restliche Sand auf dem Gelände verteilt.
Dann war es uns noch wichtig, die Natur hier ausführlich zu erleben: Sonnenauf- und -untergang, das Besteigen eines Berges mit wunderbarem Blick über Timbiras, verschiedene Fahrten in das immer wieder bezaubernde "Interior" (Hinterland), der Besuch des Wochenmarktes und anderes. Als nächstes wollten wir noch einige für Timbiras typische kulturelle Leckerbissen so kennen lernen, dass wir sie mit nach Deutschland bringen können: Lieder (u.a. mit dem Jugendchor), Tanz (die Jugendlichen üben gerade Quadrilha), Essen (jedeR hat ein Gericht gelernt)...
ein Teil von Timbiras - aus der Vogelperspektive...

Und außerdem haben wir (bzw. habe ich) noch einige Personen kennen gelernt, die sich mit ihren ganz speziellen Fähigkeiten für das Gemeinwohl engagieren. Zum Beispiel eine Equipe, die sich für den Kinder- und Jugendschutz einsetzt und dafür viel Kritik einstecken muss. Oder Piedade und ihren Mann, die sich auch über den Tod ihrer geistig und körperlich behinderten Tochter Ana Carolina hinaus für die Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in diese von Unsicherheit, Unwissenheit und Vorurteilen durchsetzte Gesellschaft engagieren. Oder Rosimar, die als Heilpraktikerin mit einfachen Mitteln vielen Menschen hier besser und günstiger helfen kann als so mancher Arzt. Oder eine Gruppe junger Erwachsener ("fonte de vida"), die im Geist des Heiligen Franziskus völlig arm und nur von Spenden leben und versuchen, Kindern und Jugendlichen durch Theater, Tanz, Musik und Kunst den Weg in ein besseres Leben zu zeigen. Oder die brasilianischen Palottiner-Schwestern, die die verschiedenen relativ autonomen Gruppen der Gemeinde koordinieren. Oder die Mitglieder einer "politischen" Jugendgruppe, die versuchen, durch Diskussionen und Theater ihr kritisches Bewusstsein zu schärfen. Oder auch die Menschen in Alegria (einem "Interior"), die mit Hilfe der Land-Pastoral (Martin und Tuinha kannten wir ja bereits aus Coroata) versuchen, gegen den Widerstand des Großgrundbesitzers ein würdiges Leben in Einklang mit der Natur für die dort lebenden 400 Familien zu erstreiten. Und bestimmt habe ich noch einige vergessen.

Ihr seht, dass unser Kalender noch prall gefüllt ist. In den nächsten Tagen stehen noch Auswertungen und Verabschiedungen auf dem Programm. Und ich habe den Eindruck, dass alle das gerne noch ein wenig hinauszögern würden. Aber der Rückflug steht fest und lässt sich nicht um eine Woche nach hiinten verschieben wie bei Marita, von der wir uns schon gestern morgen verabschiedet haben. Montag morgen fahren wir dann von hier aus nach Barrerinhas in die Lencoes, ein Naturschutzgebiet, ca. 200 km westlich von Sao Luis am Meer gelegen, mit Sanddünen und Süßwasserseen, und dann am nächsten Donnerstag nach Sao Luis um von dort aus unseren Rückweg anzutreten. Alles Weitere wahrscheinlich erst danach...
Ate logo!

Montag, 23. Juli 2012


Eigentlich hätte ich es gleich erkennen können an dem routinierten Handgriff, mit dem die zehnjährige Michaele die Jalousie der Werkstatt hochschob, dass sie nicht einfach einem Monteur Bescheid geben würde, dass ein Fahrrad zu reparieren sei. Aber dann brauchte ich doch etwas Zeitk, bs ich begriff, dass sie es selber macht - und wie! Druckluftmaschine anstellen, Ventil (Marke: Auto!) fürs Pumpen richtigstellen, Reifen mit dem Gerät aufpumpen, feststellen, dass er wieder Luft verliert, das Loch "erhorchen", das Rad abmontieren, den Mantel abhebeln, den Schlauch wieder flicken (und zwar mit einer bei uns unbekannten Klebe-Masse und einer schwergängigen Presse), abwarten, dann Schlauch und Mantel wieder anbringen und das Rad montieren, und zwar sowohl im richtigen Abstand zum Rahmen als auch mit der richtigen Spannung der Kette - mit blieb der Mund offen stehen. Da wir während des Wartens ein wenig Zeit hatten, weiß ich nun, dass ihr Vater vor vier Jahren plötzlich gestorben ist und sie daher in der Werkstatt mithilft, wenn sie nicht zur Schule muss, und sich daher so gut auskennt. Sie ihrerseits konnte gar nicht verstehen, warum ich mich so wundere und dass es in Deutschland nicht viele zehnjährige Mädchen gibt, die das können. Normal kostet das Reparieren zwei Reais (weniger als ein Euro!) und von mir wollte sie partout nichts nehmen, aber da ihre Werkstatt und schon ein paar Mal für lau geholfen hatte und ich so begeistert war, habe ich das natürlich nicht akzeptiert. Allein schon dieses Mädel kennen zu lernen, war es wert!



Nachdem das gestrige vom CAC ausgerichtete Benefiz-Abendessen für über hundert Personen sehr gut "über die Bühne" gegangen ist und unsere Jugendlichen heute zum Baden nach Codo ausgeflogen sind, habe ich endlich ein wenig Zeit, um über etwas zu schreiben, was mir schon länger als Idee durch den Kopf geht, nämlich über vier brasilianische Worte, die mir hier häufiger begegnet sind.
Das erste ist: um jeito - was als Wort erst mal so viel wie "Geschick, Kniff, Dreh" bedeutet. Mit jeito ist eine Sache "genau richtig", ohne jeito ist sie "komplett aussichtslos", aber auch "ohne Pfiff" (laut Wörterbuch). Während mit zunehmender nördlicher Position des Wohnortes die Tendenz zunimmt, unerreichbar scheinende Ziele durch Beharrlichkeit, Disziplin und Effizienz zu erreichen, bevorzugt ein Brasilianer dafür "um jeito", so etwa wie der Torrero, der dem Stier nicht die Stirn bietet, sondern ihn mit Hilfe des roten Tuchs zunächst auf sich zu und dann durch einen kleinen Dreh an sich vorbei lotst, um so seinen Widerhaken in die offene Flanke des Tieres platzieren zu können. Wäre der Stierkampf in Norddeutschland erfunden worden, würde der Torero wahrscheinlich sein rotes Tuch einfach vor eine Betonwand halten. Deutlich effektvoller, aber auch deulich weniger graziös. Für mich ist das jeito für alle Zeit mit der kleinen Geschichte von Magnos Immatrikulation verbunden, die mangels eines nicht vorhandenen Papiers so lange aussichtslos schien, bis Martina und die zuständige Sachbearbeiterin feststellten, dass sie beide in irgeneinem gottverlassenen Nest in Maranaho eine gemeinsame Bekannte hatten. Von da ab war alles andere ein Kinderspiel.
auch ein jeito: wenn man die Bremse nicht reparieren kann, wird sie einfach ausgehaengt

Das nächste ist pode ser - was mit "kann sein" fast ebenso zutreffend übersetzt ist wie Highway mit Hochweg. Erhält man nämlich auf eine beispielsweise einer Gastmutter gestellte Frage die (häufige!) Antwort "pode ser", so muss man, da die Menschen hier das "sim" so gut wie nie und das "nao" nur sehr selten verwenden, noch drei bis zehn andere Daten analysieren, bis man zu einer brauchbaren Übersetzung gelangt. Zu diesen Daten gehören mit Sicherheit die Modulation der Stimme (nach unten: eher nein, nach oben: eher ja), der Gesichtsausdruck des Antwortenden, die Intensität der Beziehung und bestimmt noch anderes wie Tageszeit oder Wetterlage. Verständlich, dass man erst nach einigen Jahren Übung genau weiß, was gemeint ist. Verständlich auch, dass dieses Antwortverhalten es unserer praktizierenden Gynäkologin Marita nicht gerade erleichtert hat, präzise Diagnosen zu erstellen. Ich selber genieße es immer wieder, wenn ich meinem lieben Carlos auf eine seiner Fragen mit möglichst ausdruckslosem Gesicht und monotoner Stimme ein "pode ser" entgegnen kann...
Als nächstes kommt fofoca - was so speziell ist, dass es noch nicht mal in meinem PONS-Wörterbuch steht und soviel wie Klatsch, Tratsch, Gerede bedeutet. Fofoca ist hier in Timbiras eine - ja, ich kann es nicht kultursensibler sagen - Unsitte, die häufig praktiziert und unter der noch häufiger gelitten wird. Die Ursache von fofoca ist laut Joisania oft Neid gegenüber jemand, von dem man glaubt, dass er oder sie sich irgendwie einen Vorteil verschafft hat oder verschaffen will. Als Gegenmaßnahme setzt man ein Gerücht über ihn oder sie in die Welt, und man kann sicher sein, dass es über kurz oder lang nicht nur viele andere Menschen hier, sondern auch die Hauptperson dieses Gerüchts erreicht und ein wenig (oder auch ein wenig mehr) ärgert, irritiert oder beschämt - je nach der Dicke der psychischen Haut des "Opfers". Aus der Welt schaffen lässt sich eine solche fofoca ungefähr so leicht wie ein Sandhaufen nach einem Wirbelsturm. Konktrete Beispiele kann ich mir und den Lesenden bestimmt ersparen. Und das Dumme an diesen fofocas ist, dass man selber in diesem Fluidum der vielen unglaublichen Geschichten oft so schnell selber dabei ist, eine fofoca in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten. Wie oft haben wir hier schn vom versoffenen Pfarrer erzählt - getrunken hat noch keiner von uns ein einziges Bier mit ihm....
Mein letztes Wort für hier und heute soll wieder ein konstruktives sein: atenção (so wichtig und schön, dass ich mir sogar die Mühe mache, die beiden Sonderzeichen zu verwenden, die ich mir ansonsten immer gespart habe!) - was so viel bedeutet wie Aufmerksamkeit, Hochachtung, als Adjektiv: zuvorkommend, als Ausruf: Achtung! Atenção ist "das Hauptwort" unseres Projektes und steht im wahrsten Sinne im Zentrum von CAC. In diesem Wort steckt auch ein wenig die "tensao", eine gewisse innere Anspannung und Gerichtetheit hin (a-) auf ein Ziel: das Wohlergehen des Gegenübers. Dieses Gegenüber kann um Aufmerksamkeit bitten oder manchmal auch danach rufen oder schreien (chamar a atencao!), wie es viele Kinder auch ohne Worte tun. Aufmerksamkeit ihrerseits wird gegeben oder noch schöner - wie Eleana es ausdrückte - geschenkt: wahrscheinlich das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann, es in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und so wahr- und anzunehmen wie es ist, mit seinen Schwächen, aber vor allem auch seinen Stärken. Anfangs waren wir hier sehr überrascht, dass viele Kinder hier so ruhig sind und so wenig stören oder weinen - bis Joisania uns sagte, dass sie es oft tun aus Angst vor Schlägen oder Drohungen. Von den Drogenabhängigen und den Kranken in Coroata wissen wir, dass sie oft zum ersten Mal dort so etwas wie Aufmerksamkeit erfahren haben und dass das ihr Leben verändert hat - mindestens genau so wie die medizinische Behandlung. Im CAC wird schon ein wenig spürbar, wie die atenção die Kinder verändert. Und eine der Mütter sagte zu uns, wie schön sie es findet, dass wir von so weit her gekommen sind, um uns mit ihren Kindern zu beschäftigen.

Samstag, 21. Juli 2012

Nicht vorenthalten moechte ich Euch auch einen Text von Shakespeare, den eine Theatergruppe uns bei unserem Besuch von Edelsons Uni in Codo vorgespielt hat. Der portugiesische Titel heisst "O Menestrel" (vielleicht kann ja jemand herausbekommen, wie die deutsche Version heisst), und der Text lautet uebersetzt so und passt doch wirklich hervorragend zu unserer Situation:


Nach einiger Zeit Begreifst du den Unterschied, den feinen Unterschied zwischen dem Reichen einer Hand und dem Fesseln einer Seele.
Und du begreifst, dass Lieben nicht bedeutet, sich zu stützen, und  Begleitung nicht Sicherheit.
Du beginnst zu begreifen, dass Küsse keine Verträge sind und Geschenke keine Versprechen.
Du beginnst deine Niederlagen zu akzeptieren mit erhobenem Kopf und dem Blick nach vorne, mit der Würde eines Erwachsenen und nicht mit der Traurigkeit eines Kindes.
Du begreifst, alle deine Wege im Heute zu errichten, weil das Gelände von Morgen zu unsicher ist zum Planen und weil die Zukunft die Angewohnheit hat, ins Nichts zu stürzen.
Nach einiger Zeit begreifst du, dass die Sonne dich verbrennt, wenn du dich ihr zu lange aussetzt. Und du begreifst, dass es nichts ausmacht, wie bedeutend du bist, weil einige Menschen einfach nicht bedeutend sind...  Und du akzeptierst, dass, egal wie gut ein Mensch ist, er dich manchmal verletzen wird und du ihm das vergeben musst. Du begreifst, dass Reden emotionale Schmerzen lindern kann.
Du entdeckst, dass es Jahre braucht um Vertrauen aufzubauen, aber nur Sekunden, um es zu zerstören - und dass du in einem kleinen Moment Sachen machen kannst, die du für den Rest deines Lebens bereust.
Du begreifst, dass wahre Freundschaften beständig wachsen - selbst über weite Entfernungen. Und dass es nicht wichtig ist, was du hast im Leben, sondern wen du hast. Und dass gute Freunde eine Familie sind, die uns erlaubt auszuwählen.
Du begreifst, dass wir nicht unsere Freunde wechseln müssen, wenn wir verstehen, dass die Freunde wechseln...
Du begreifst, dass deine besten Freunde und du jede Sache machen können - oder auch nichts - und ihr gute Momente miteinander haben werdet.
Du entdeckst, dass die Menschen, die dir am meisten bedeuten im Leben, sehr schnell von dir genommen werden können...; deswegen müssen wir immer die Menschen, die wir lieben, mit liebevollen Worten zurücklassen, denn es könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen.
Du begreifst, dass die Umstände und die Umgebung Einfluss haben auf uns, aber wir sind selber verantwortlich für sie.
Du beginnst zu begreifen, dass man sich nie vergleichen darf mit den anderen, wohl aber mit dem besten, was man sein könnte.
Du entdeckst, dass du viel Zeit brauchst um die Person zu werden, die du sein möchtest, und dass die Zeit kurz ist.
Du begreifst, dass nicht wichtig ist, woher du kommst, aber wohin du gehst..., aber wenn du nicht weißt, wohin du gehst, jeder Weg recht sein kann.
Du begreifst, dass entweder du deine Handlungen steuerst oder sie dich... und dass flexibel zu sein nicht bedeutet schwach zu sein oder keine Persönlichkeit zu haben, denn egal wie fein oder zerbrechlich eine Situation ist, immer gibt es zwei Seiten.
Du begreifst, dass Helden die Menschen sind, die tun, was notwendig ist und die den Konsequenzen ins Auge blicken.
Du begreifst, dass Geduld viel Übung braucht.  Du entdeckst, dass manchmal der Mensch, von dem du erwartest, dass erauf dich schießt, wenn du fällst, einer von den wenigen ist, die dir helfen aufzustehen.
Du begreifst, dass Reife mehr zu tun hat mit den Erfahrungen die du hast oder die du gesammelt hast als damit, wie viele Geburtstage du gefeiert hast.
Du begreifst, dass du mehr von deinen Eltern in dir hast als du angenommen hast.
Du begreifst, dass du niemals einem Kind sagen darfst, dass seine Träume Blödsinn sind. Nur wenige Sachen sind so erniedrigendwie dies, und es wäre eine Tragödie, wenn das Kind dir glauben würde. Du begreifst, dass du, wenn du wütend bist, das Recht hast, wütend zu sein, aber nicht das Recht, grausam zu sein.
Du entdeckst, dass die Tatsache, dass jemand dich nicht so liebt, wie du es gerne hättest, nicht bedeutet, dass dieser Mensch dich nicht nach Kräften liebt, denn es gibt Menschen, die uns lieben, aber einfach nicht wissen, wie sie das zeigen oder leben können. Du begreifst auch, dass es manchmal nicht ausreicht, dass jemand einem vergibt... manchmal musst du lernen dir selber zu vergeben.
Du begreifst, dass du mit der selben Strenge, mit der du urteilst, einmal verurteilt werden wirst. Du begreifst, dass es nicht entscheidend ist, in wie viele Stücke dein Herz geteilt worden ist - die Welt bleibt nicht stehen, damit du es wieder zusammensetzen kannst.
Du begreifst, dass die Zeit nicht etwas ist, das wieder zurückkommt. Daher pflanze deinen Garten und schmücke deine Seele, und hoffe, dass irgendwann jemand ihr Blumen bringt.
Und du begreifst, dass du wirklich etwas ertragen kannst, dass du wirklich stark bist und sehr viel länger gehen kannst als du dachtest. Und dass wirklich das Leben wertvoll ist und du wertvoll bist durch das Leben.
Unsere Zweifel sind Verräter und sorgen dafür, dass wir das Gute verlieren, das wir erreichen könnten, wenn wir nicht die Angst davor hätten, etwas zu versuchen.
(William Shakespeare)


Die  zwei Tage in der "Hauptstadt des Bistums", in Coroata, waren so beeindruckend, dsss es mir schwerfällt, die vielen Eindrücke angemessen wiederzugeben.
Beeindruckend die Sorgfalt, mit der unser Besuch (unter anderem auch von Martinas Freundin Lindalva!) geplant war, angefangen von den beiden Autos samt Fahrer, die uns immer pünktlich von einem Ort zum nächsten brachten, über die extra für uns gekaufte neue Bettwäsche im Bistumszentrum, wo wir übernachtet haben, bis hin zu den Menschen, die an allen Besuchs-Orten bereits auf uns warteten und uns mit Freude empfingen. Ganz zu schweigen natürlich von dem leckeren Essen und Trinken, das uns überall serviert wurde.
Beeindruckend (und  bedrückend!) das Leid, das uns an so vielen Stellen berichtet wurde, sei es im zeitweise für deutsche Ärzte genutzten Notkrankenhaus des Bistums das Leid der Kranken, die in Scharen aus bis zu 1000 km angereist kommen, weil sie von den hiesigen Ärzten weder medizinisch noch menschlich würdig "behandelt" werden, sei es das Leid der Ex-Drogenabhängigen in den "Fazendas de Esperanza", das ihnen angetan wurde (wir haben 12- und 13jährige gesehen, denen die Drogen von älteren "Freunden" verabreicht wurden!) und das sich selber und anderen angetan haben, sei es das Leid der Landarbeiter, die aus ihren Dörfern vertrieben werden, weil jemand sich das Landrecht unter den Nagel gerissen hat und das Land zu Spekulationszwecken oder zur Viehzucht von Palmen und Menschen "säubern" möchte.
Beeindruckend aber auch die Menschen, die sich für das Leben und die Würde dieser leidenden Menschen einsetzen: Tuinha und Martin bei der Landpastoral, Pater Luis auf den Fazendas, Schwester Veronika im Krankenhaus - und die vielen anderen, die mit ihnen haupt- oder ehrenamtlich dem unermesslich scheinenden Leid ihr Engagement, ihren Widerstand, ihre Liebe und auch ihre gläubige Zuversicht entgegensetzen.
Sehr gefreut haben wir uns über die Rückmeldung eines Ex-Drogenabhängigen, dass er unser CAC-Projekt auch als eine Art Prävention gegen eine Suchtkarriere der Kinder sieht und wichtig findet.
Und besonders gefreut haben wir uns auch über den Bischof, der zwei Mal extra zu uns ins Zentrum kam, um sich zu erkundigen, wie es uns geht, und der uns dann noch in sein Haus zum Mittagessen einlud, bei dem er selber uns bei Tisch bediente und verwöhnte. Beim anschließenden Gespräch, für das er sich richtig viel Zeit nahm, erkundigte er sich ausführlich über unsere Erfahrungen, unser Projekt und unser Jugendaustausch  und erzählte auch von sich und seiner nicht immer leichten Arbeit. In einer Nebenbemerkung ließ er durchblicken, dass es ihm nicht zuletzt deswegen ein besonderes Anliegen gewesen sei, uns einzuladen (Eleana erzählte, dass er uns ursprünglich eine Woche nach Coroata hatte einladen wollen!), weil ihm das Treffen in Münster so gefallen habe und weil er gewusst habe, dass der Pfarrer hier in Timbiras sich nicht um uns und das Projekt kümmern werde und er das ein wenig habe ausgleichen wollen. Danke, Dom Sebastiao!



Schon bei meinem letzten Besuch in Timbiras (2006) war es ein Evangelium in der Sonntagsmesse, das durch den besonderen Ort für mich eine ganz neue Dimension bekam: damals war es so, dass ich auf der Hinfahrt nach Timbiras total beeindruckt davon war, dass auch an diesen doch so entlegenen Ort auf irgendeine Art und Weise der Glaube an Jesus Christus gelangt war (übrigens: ca. 1900 durch Kapuzinermönche!). Und dann wurde am Sonntag in der Kirche die Bitte Jesu an seine Jünger vorgelesen, dass sie in die ganze Welt hinausgehen sollen um allen Menschen die Gute Nachricht zu bringen....
Dieses Mal war es das Evangelium von der Aussendung der Jünger, das ja auch für Franziskus so wichtig geworden ist:
- immer zu zweit zu gehen: das könnte man auch auf die Partnerschaft von zwei Gemeinden beziehen, die sich gegenseitig in praktischen Dingen, aber auch dabei unterstützen können, wichtige Fragen von verschiedenen Seiten aus zu betrachen und so zu einem besseren Verständnis zu gelangen
- nichts mit auf den Weg zu nehmen: auf Schritt und Tritt merken wir hier, wie wichtig, aber auch wie schwierig es ist, unser "Gepäck" (als Deutsche, als Mann / Frau, als jedeR einzelne) beiseite zu lassen, um wirklich offen zu sein für das, was die gegenwärtige Situation erfordert
- sich in ein Haus aufnehmen zu lassen und dort zu bleiben: auch diese Lebensweise der Jünger wird mit dem Hintergrund unseres Austausches viel plastischer
- Ungeist auszutreiben und Kranke zu heilen: wir begegnen hier schon manchem, was uns als Ungeist erscheint und sprechen viel darüber, wie es uns damit geht. Vom Austreiben sind wir weit entfernt, aber Franklin sagte neulich, er habe den Eindruck, dass im CAC eine "andere Sprache" gesprochen wird: aufmerksam und respektvoll. Und um Kranke zu heilen haben wir ja Marita hier, die wirklich unermüdlich ihre Hausbesuche macht und schon so manches Leid gemildert hat...

Ein "poetisches Stilleben" aus Carlas Tagebuch:


...

Gerade haben wir zu abend gegessen, mein Gastbruder sitzt nun auf der Couch und spielt mit einem alten Gameboy, die Tuer steht offen und ich habe mich nach draussen vor die Haustuer gesetzt.
Ganz nach einheimischer Art sitzt hier nun und guck auf die Strasse. Dass ich dabei schreibe ist eigentlich schon zu viel Bewegung bei dieser Taetigkeit...
Ich versuche mal kurz die Kulisse zu beschreiben, denn dieses vor der Haustuer sitzen und nix tun ist ein ganz typischer Anblick wenn man abends durch die Strassen schlendert.

Der Boden unter meinen Fuessen ist noch warm, mit T-Shirt und kurzer Hose ist es weder zu kalt noch zu warm. Es weht ein ganz laues Lueftchen, die Strassenlaterne beleuchten Orangegelb die mit dem groben Kies versehene Strasse. Ein paar Meter weiter hoert man froehliche Forro-Musik, die Grillen zirpen laut. Auf der Strasse faehrt langsam ein Auto mit herabgelassenem Fenster und Musik vorbei. Das Knattern und kurze Hupen eines Motos kommt hinzu. Hupen tut man hier irgendwie immer. Zur Warnung, zur Begruessung von Freunden auf der Strasse, um jemandem hinterherzupfeifen oder weil man gerade einfach Lust dazu hat. Aber das Hupen hoert sich hier freundlicher an, weil jeder nur fuer eine Millisekunde auf die Hupe haut.
Still ist es hier eigentlich nie, wenn kein Auto mit Boxen auf dem Dach durch die Strasse faehrt, dann kraeht ein Hahn  oder man hoert die Gespraeche der anderen Menschn (die Betonung liegt auf hoeren nicht auf verstehen).
Vor mir geht ein junges Maedchen mit gekonntem Hueftschwung und einer gruenen Plastiktuete in der Hand vorbei. Sie steigt mit einem grossen Schritt ueber die Pfuetze in der Mitte der Strasse, woher das Wasser auf den Strassen kommt, weiss man oft nicht so genau, und bevor man durch das Waschwasser anderer Leute watet, steigt man doch lieber drueber. In der Pfuetze schwimmt eine einsame weisse Plastiktuete, am gegenueberliegenden Strassenrand liegen Plastikbecher und alte Verpackungen zwischen den Baeumen. Es gibt in meiner Strasse nur auf einer Seite einen Buergersteig, der Bordstein fehlt teilweise und ist verblasst und grau. 5 m. weiter sitzt ein Mann wie ich vor dem Haus, er kaut auf einem Zahnstocher und hat die Beine hochgelegt. Eine kleine unterernaehrte Katze schleicht im Schatten der Baeume vorbei in denen tagsueber Urubus sitzen. Zwischdurch hoere ich das Bellen eines Streuners, das Klappern des Bestecks das gerade in der Kueche gespuelt wird und das Piepsen des Gameboys. Staendig muss ich nach den Muecken schlagen, die jede Sekunde nutzen um einen bis zur Unendlichkeit zu zerstechen. Es sind mittlerweile locker an die 50 Stiche, da nuetzt Autan auch nur begrenzt....
Das was ich sehe wenn ich einfach auf die Strasse schaue ist schmutzig und verblasst, aber trotzdem laut, bunt und irgendwie friedlich. Ich denke hier werden einfach unglaublich viele Gegensaetze vereint und das sieht man auch in allen Bewegungen des Alltags. Waehrend ich hier ganz ruhig sitze, schiessen mir unendlich viele Gedanken und Eindruecke durch den Kopf,ein Gedankenkarusell dessen Geschwindigkeit man mir von aussen mit Sicherheit nicht ansieht.
Wenn man hier so sitzt, scheint die Zeit an Bedeutung zu verlieren und ich bin einfach gluecklich und zufrieden hier zu sein. Und trotzdem bin ich mir der Gegensatze auch in diesem Moment bewusst, ich weiss waehrend ich hier sitze passieren vielleicht nur ein paar Strassen weiter schreckliche Dinge, in denen Menschen Bedrohungen ausgesetzt sind an die ich nicht mal denken will.
Aber bei mir in diesem Moment ist alles gut und die Welt in Ordnung.
So langsam verstehe ich warum die Menschen hier abends stundenlang einfach vor der Haustuer sitzen ;)
...